Herkunft – Saša Stanišić

Buchpreisgewinner 2019: Herzlichen Glückwunsch!


Der Mann mit dem Namen, den ich nicht aussprechen kann, hat ein grandioses Buch geschrieben, von dem sämtliche Feuilletons in Liebeserklärungen ausbrechen, Blogger und sogar andere Schriftsteller via Social Media seit Veröffentlichung schwärmen, schwärmen und schwärmen, und das sich damit beschäftigt, wer wir sind, besonders, wenn das Wo uns ganz fluchtartig genommen wird.

Im Grunde ist die Geschichte kurzgefasst recht schnell erzählt: Saša Stanišić flüchtet noch als Kind mit seinen Eltern aus Jugoslawien nach Deutschland und reflektiert in diesem Buch all die Begegnungen und Momentaufnahmen, die seiner und anderer Meinung nach etwas mit Herkunft und der Überlegung dahinter zu tun haben.

Da ist schon der Clou: Herkunft – wo steckt sie drin, was macht sie aus und wen, oder was? Ist der junge Mann, der als Kind schneller die deutsche Sprache lernt als seine Eltern, somit deutscher als sie oder deswegen weniger jugoslawisch? Ist die Flucht der Zeitpunkt, an dem sie Heimat verlieren oder eine neue hinzugewinnen? Kann man je einen Ort finden, den man Heimat nennen kann oder ist Heimat eine Person, ein reines Gefühl, Spekulation und Konstrukt einer heimatlosen Gesellschaft? Was haben Heimat und Herkunft miteinander gemein, was unterscheidet sie? Ist der Geburtsort Herkunft, das Blut, das in uns fließt oder die Personen, die einen prägen? Wann komme ich irgendwoher, wohin gehe ich von da aus und wo sind deswegen meine Grenzen gesetzt?

Das sind einige Fragen, mit denen man sich bei der Lektüre des Buches befasst, die man im Kopf ständig selbst versucht, zu beantworten, und die nur immer darauf hinauslaufen, dass man kopfschüttelnd aufgibt, weil sie alle nicht beantwortbar sind. Umso beeindruckender die Aufnahme Stanišićs dieses Sujets als einen ganzen Roman, der mehr ein Erinnerungsstück ist, das in struktureller Un-Reihenfolge Einschnitte erzählt, die Heimat und Herkunft sein können.

Ganz sanft wählt der Autor seine Worte, bleibt nüchtern, aber verliert sich nie in die Emotionslosigkeit. Präzise und formal außergewöhnlich klopft er ein neues Gebiet der Literatur ab und bestreitet die literarische Autobiografie mit frischem Wind und einem Sujet, das in der heutigen Zeit kaum relevanter sein könnte. Seine Zeit im Flüchtlingsheim, die Flucht selbst, der Deutschunterricht, die Arbeit seiner Eltern, das Auswandern, das Heimatsuchen. Er führt den Leser an mit kleinen Gesten, sanften Schubsern in die richtige Richtung und hebt dabei nie mahnend-moralisierend den Zeigefinger.

Es wirkt am Ende wie ein langer Traum, in dem jemand überlegt und denkt und reflektiert, ob das, was wir da sehen gut ist, und warum. Oder warum nicht.

Beeindruckend, einschärfend, relevant.


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