Saison der Wirbelstürme – Fernanda Melchor

Über dieses Buch muss gesprochen werden. Denn es tut beim Lesen weh, macht wütend, stumpft ab und hinterlässt kleine Narben hinter den Augenlidern, wenn der letzte Satz gelesen worden ist. Ein verrückter Plot, der nicht von dieser Welt zu sein scheint und von Verhältnissen berichtet, wie man sie niemandem wünschen, die ich mir gar nicht existent vorstellen kann. Es liegt eine Unvereinbarkeit in den Zeilen, alles in mir sträubte sich, als ich es las, von vorne bis hinten und mindestens in der Mitte mehrfach überlegte ich mehrfach, ob ich es doch abbrechen sollte.

Trigger-Warnung: In diesem Buch und dementsprechend in dieser Rezension geht es um offene Gewalt, Hass, Vergewaltigung und Mord.

Mit seiner Nominierung für die Hotlist der Unabhängigen Verlage ist das Buch jetzt überall angekommen und wird vielleicht von vielen mehr gelesen, als sich zuvor dafür entschieden hätten. Dabei ist die Geschichte so brutal wie sie nur sein kann: Die Hexe, eine transsexuelle Frau, die in einem Dorf verachtet, bespuckt, vergewaltigt und gebraucht wird, findet sich tot, mit aufgeschlitzter Kehle in einem Abwasserkanal und niemand will es gewesen sein. Die betroffenen Zeugen und diejenigen, die mit ihr in Verbindung gebracht werden, erzählen in den Kapiteln ihre Sicht auf die Dinge, bis der Mörder an die Reihe kommt und sich erklären muss, weshalb und wie und warum er die Frau tötete und in den Graben warf wie alten Müll. Dabei ist niemand unschuldig oder nicht brutal oder nicht frauenverachtend oder kein schlechter Mensch.

Es ist alles durch und durch schlecht. Die Charaktere, die sich selbst, die Welt und ihre Umstände verabscheuen. Die Verben, die immer wieder auftauchen und von dieser Verachtung berichten. Die Taten, die ganz abgesehen von dem Mord von einer Kaltblütigkeit zeugen, wie sie nur reine Verzweiflung schaffen kann. Die Versuche, sich selbst zu rechtfertigen und die eigene Schlechtigkeit in Bezug zu stellen zur Schlechtigkeit der Welt. Die Menschlichkeit, die hier so vollkommen und trostlos fehlt.

Dabei zentriert sich der Hass der Figuren auf alles, besonders auf die Frauen. Männer hassen Frauen, Frauen hassen Frauen, Frauen hassen Männer, weil sie besser sind als Frauen. Beim Lesen manifestiert sich ein ungutes Gefühl, das dazu beiträgt, die Wertigkeit der Figuren selbst infrage zu stellen und sich anschließend selbst zu fragen, wie man es über sich bringen kann, sie zu hassen, die nur hassenswert wirken, weil sie es nicht anders gelernt haben. Wie Fernanda Melchor so mit den Gefühlen ihrer Leser spielt und die grandiose Übersetzung von Angelica Ammar die Rohheit ihrer Worte hinüberträgt und der Wut nicht ein bisschen ihres Stechens in der Brust nimmt, ist ein Meisterstück.

Dennoch; Für das Buch braucht es starke Nerven. Die endlos langen Sätze, die von der Hilflosigkeit berichten, sich selbst im Ganzen zu transportieren, die klar machen, dass die Zeit nicht reicht, um noch gut zu werden, dass die Zeit zu knapp ist – diese Sätze haben es in sich. Wenn die Vergewaltigung von Transsexuellen, Kindern und Frauen zur Normalität wird, wenn die Verheiratung eines 13-Jährigen Mädchens als Kleinigkeit abgetan wird, wenn familiäre Erniedrigung und Gewalt alltäglich und wie das kleinste Übel wirkt, dann merkt man erst einmal, wie brutal Sprache und Literatur sein kann.

Kaum andere Wörter als Hass, Wut, Gewalt und Brutalität fallen mir zu diesem Buch ein. Ich bin schockiert, und ich muss es ganz persönlich schreiben, weil ich, die schon so viele Bücher gelesen hat, eigentlich dachte, nicht mehr schockiert werden zu können. Es ist krass, geht unter die Haut und nimmt für den Moment den Glauben, dass der Mensch im Herzen gut ist. Die Worte tun weh und bleiben lange hängen, besonders die hässlichen wie tot, klebrig, Tunte, Pisse und schwängern. Der Kontext tut dem Ganzen abschließend nur genüge.

Sollte man das Buch also lesen, wenn es so wehtut? Keine Ahnung. Es ist ein Erlebnis, eine Gefühlskraft, etwas sehr Einmaliges. Aber eben auch sehr schmerzhaft und man muss es verkraften können und wollen. Und es geht um einiges – aber nie um Wirbelstürme.


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