All das zu verlieren – Leïla Slimani

Es liest sich, wie es wirken soll – im Rausch. Mit knappen, kühlen Worten erzählt Slimani die Geschichte von Adèle und ihrer Sucht nach Sex und Männern, nach Unterdrückung und Eskapismus. Dabei hat sie alles, die junge Französin, Journalistin, Ehefrau und Mutter eines heißgeliebten Sohnes. Aber wer hat heutzutage noch alles und ist glücklich damit? Das fragt dieser Roman irgendwie frech, aber auch brutal und ehrlich.

Dabei geht es ja gar nicht um Adèle. Es geht um ihren Mann, der erfahren muss, dass seine heißgeliebte Frau ein Handy besitzt, in dem all diese Namen und Nummern gelistet sind, mit den schmutzig klingenden Worten in den unzähligen Nachrichten, alle getippt von Männern mit Zungen, die kurz zuvor im Halse seiner Frau steckten. Er ist derjenige, der reagieren muss und der der Frage gegenübersteht, was falscher ist: Mit der Frau zusammenzubleiben, die ihre Ehe mit Füßen getreten hat, oder die Mutter seines Sohnes verlassen, mit der er viele Jahre schon glücklich zusammenlebt?

Doch auch darum geht es doch nicht. Das Buch stellt subtil die Frage, wohin Sexsucht einen Menschen treiben kann, wie man sich fühlt, wenn die Lust zu Dingen antreibt, die anwidern, wie es sich mit der Schuld leben lässt, an der keiner Last tragen kann. Oder doch? Adèle ist im Grunde eine furchtbare Frau und kann sich selbst nicht hassen, hasst dafür ihren Job, ihre Spießigkeit und die Idee, mit ihrem Mann alleingelassen auf dem Land zu leben. Kann man sie dafür hassen, dass sie so ist wie sie ist und Angst vor der Alternative hat – allein zu sein? Kann man sich ein Urteil über eine Mutter erlauben, die ihren Sohn nicht zurücklassen kann und deswegen in einer Ehe mit einem Mann bleibt, den sie vielleicht nicht liebt, vielleicht langweilig findet, manchmal verabscheut oder sich sogar über ihn lustig macht?

Ist sie boshaft, gemein; Und musste sie nicht so werden, wegen der nicht weniger boshaften Mutter und wegen des passiv-ruhigen Vaters ohne Meinung, Eltern, die sie womöglich in ein Leben getrieben haben, das sie nicht wollte, weil sie vor ihnen flüchten musste, um sich selbst zu retten? Womöglich ist Adèle nichts als eine verzogene Göre, die mit nichts zufrieden ist und in ihrer Unersättlichkeit die Unterdrückung dieses Selbst sucht, die sich mit nichts zufriedengeben kann, weil sie es nie gelernt hat.

All diese Fragen wirft Slimani auf, wenn sie Adèles Geschichte erzählt. Es geht um Schuld, Verständnis, Wut und Liebe, um ihre Zusammenhänge und um Sex. Viel Sex. Und trotz der Körperlichkeit hält sie sich im Roman an der poetischen Sprache fest, die ihren Figuren das Rückgrat geben, das sie brauchen, um nicht ungelenk zu wirken. Sie fasst ein Gefühl auf, eine Unzufriedenheit vielleicht, aber noch mehr das Fragende dahinter. Sie gibt uns eine unsympathische Heldin und ein Leben im Nihilismus, das wir zu verstehen haben, während die Autorin uns keine Anhaltspunkte gibt, wonach zu fragen ist, wer unzufrieden ist oder sein soll – und am allerwenigsten, wer Recht hat.

Damit ist mit diesem Roman ein Schwung gelungen, der sich kaum in Worte fassen lässt. Natürlich geht es dabei um das, was zu verlieren ist, aber die aufgeworfenen Fragen sind dabei das eigentlich meisterhafte. Der Leser ist gefordert, man soll richten und in sich horchen, wer gerade welchen Fehler macht. Und als Antwort kommt dabei womöglich die eine oder andere Überraschung heraus. Welche – dafür sollte dieses grandiose Buch gelesen werden.


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