Diese Wahrheiten: Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika – Jill Lepore

Es ist eine lange, wenn auch junge Geschichte eines durch und durch zerstrittenen Landes, die Jill Lepore auf (dafür) recht kompakten knapp 1.000 Seiten erzählt. Dabei wählt Lepore, Professorin für Geschichte bei Harvard und Journalistin beim New Yorker, eine Sprache, die eindringlich parteiisch und außergewöhnlich anders ist.

Doch von Anfang an: Weshalb sollte man sich mit den USA in diesem Umfang befassen wollen? Mein Grund war folgender: Diese so lange, dicht bedruckte und mit der Politik der Welt verknüpfte eine Geschichte, die viel Wut, Unglauben und Polemik in sich trägt, liest sich nicht nur interessant oder nur für eine enge Zielgruppe spannend. Im Gegenteil. Lepore schreibt fesselnd und stellenweise wahnwitzig komisch über dieses Land, das die Demokratie und die Globalisierung erfunden haben will; In dem es bis heute Nachwirkungen seiner Gründung zu spüren gibt; Welches sich selbst und seine Wahrheiten verrät und untergräbt und auseinanderdiskutiert. Es liest sich so mitreißend wie ein True Crime Thriller, von dem man von Seite zu Seite nicht glauben will, dass das alles wirklich so passiert ist. Stellenweise ist es irreal, wahnsinnig blödsinnig und triefend rassistisch, sexistisch, dämlich. Aber es ist ein Land, das bis heute einen unvergleichbar großen Einfluss auf die westliche Welt, auf Kriegsentscheidungen und Wirtschaften hat. Insbesondere zum aktuellen Datum, zu dem ein Clown im Weißen Haus sitzt und die Welt täglich mit Fake News füttert.

Speaking of which: Lepore zeichnet nicht nur behutsam die menschliche Geschichte des Landes nach, sondern schaffte es auf dafür wirklich engstem Raum eine Politik-, Wirtschafts-, Präsidenten-, Menschheits- und Mediengeschichte der letzten hundert Jahre zu schreiben. Mit ihr erlebt man in kritischer Auseinandersetzung die langwierige Entstehung der Verfassung, den vermeintlichen Aufstieg der neuen Welt und Massenmorde an den indigenen Völkern Amerikas im gleichen Band wie wir lernen, wie das Radio dem Kriegspräsidenten Franklin D. Roosevelt zu einem erfolgreichen Sieg über Deutschland verhalf, wie Fake News ihren Ursprung in der Zweiparteien-Inhaltslosigkeit und dem Fernsehen finden und wie Obamas Regierung den Weg für Trump ebnete, indem sie Dinge und Aussagen versäumte. Es ist ein Ritt, ein außergewöhnlicher Ritt, der den Horizont auf brutale Weise erweitert.

Ich habe mich zuvor nur rudimentär mit der Geschichte der USA auseinandergesetzt und bin jetzt überglücklich, mit Lepore meinen Anfang genommen zu haben. Sie beschreibt außergewöhnlich differenziert und fähig, die altbekannten Verläufe in ein neues Licht zu rücken. Beispielsweise die Entstehung der Verfassung: Von der Debattenkultur rund um Benjamin Franklin und das Chaos, das sie zunächst auslöste, richtet die Professorin immer wieder das Augenmerk aktiv auf die Lage der weiblichen Aktivistinnen, Schwestern, Frauen und Nicht-Bürgerinnen. Sie erinnert immer wieder an die Lage der PoC in Amerika, von den viel, viel zu späten Reaktionen der Regierung, vom Krieg um den Sklavenhandel von Süd und Nord (der im Nachhinein zum Bürgerkrieg ohne Sklaven-Involvierung umgedeutet wurde), von den Beweggründen und Scheußlichkeiten des Ku-Klux-Klans, von all diesen divers beleuchteten Themen bis hin zu Martin Luther King, Malcolm X, Barach Obama und den heutigen Black Lives Matter Bewegungen.

Mit all ihren Formulierungen und Hinweisen, in ihrer Konzentration und Betonung dieser Themen und Bewegungen im weiß dominierten Amerika macht Lepore Diese Wahrheiten zu einem sehr modernen und sehr, sehr lesenswerten Text, der viel Eindruck und Eindrücke hinterlässt. Er ist sensibel, wütend und ungläubig, parteiisch und begründend. Vor allem aber ist der Hintergrund bildend und erklärt die Welt, die sich gerade in dunklen Wolken über Trumps Weißem Haus zusammenbraut. Nach der Lektüre verstehe ich die Wahl von 2016 viel besser, ich verstehe die Rolle der Medien, von Fernsehen über Radio bis hin zu Facebook und Twitter, und ich begreife die seltsame Komplexität dieses Landes und seiner Selbstwahrnehmung ganz anders.

Das alles macht dieser Text mit mir. Er ist eine Wucht der Bildung und Spannung und wirklich empfehlenswert, um einen umfassenden Blick auf ein Land zu werfen, das doch ganz anders ist als alle anderen.


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