Das ungeschminkte Leben – Maryse Condé

Verrückt, wie ein Buch eigentlich genau das sein kann, was man lesen will – und es dann nur der Ton ist, der nicht mit dem Leser kompatibel ist.

Maryse Condé erzählt in ihren Memoiren von sich als junge Mutter, von sich vor ihrer Zeit als großflächig angenommene, Weltliteratur-Schriftstellerin, von sich, wie sie versucht, sich selbst zu finden und sich mehr und mehr verliert. In ihrer klaren Stimme zeigt sich immer wieder die starke, die unabhängige und selbstreflektierte Frau, die sie heute geworden ist und kommentiert aus dieser Stellung heraus ihr frühes Leben. Sie bemängelt ein wenig und deutet ihre Prägungen an, die ihr späteres Gesamtwerk formten. Eine eigentlich sehr spannende Angelegenheit, die besonders für Schreibinteressierte von großer Bedeutung sein könnte.

Für mich aber war ihre Erzählweise eine zu stringente, zu sehr auf die Zeiten und chronologischen Jahre fokussierte Strategie, ein Leben auferstehen zu lassen, das schon so viel gesehen hat. Denn das hat sie: Maryse Condé ist jung, als sie schwanger nach Afrika reist, weg von den französisch kolonisierten Antillen, hin zu einer Kraft an Herkunft und Zukunft, die sie über den großen Kontinent treibt. Dort heiratet sie, sie wird wieder schwanger, verwurzelt und wird immer unglücklicher. Sie beobachtet verschiedene Menschen, große Begebenheiten und Wünsche ganzer Nationen und Völkerbewegungen, noch bevor sie überhaupt daran denkt, große Romane zu schreiben. Es ist dieses Leben als mittelständische Frau, erwachsen geworden in verschiedenen afrikanischen Ländern, Paris und Haiti, das alles verändert hat.

Eine spannende, viel-geben-wollende Prämisse, die mich angezogen hat. Allein ihre Tonart, wie sie von Begebenheit zu Begebenheit übergeht, ohne große Sätze für Emotionalitäten zu vergeuden, ist nicht meine Art, ein Leben nachzuspüren. Womöglich war ihr Gedanke, mit nichts hinter dem Berg zu halten, das Leben festzuhalten, wie es war. Ein ungeschminktes Leben aufzuzeigen, wie ihr Titel es verlautbart. Aber sogar ungeschminkt kann etwas emotional sein, kann es mitreißen und umgehauen zurücklassen. Das hat Maryse Condé nicht mit mir gemacht, die Chance hat sie vertan.

Was sie dennoch mit mir gemacht hat: Mich teilweise verblüfft zurückgelassen, wohin das Leben den Menschen treibt, sanft überwältigt vom freien Willen dieser Frau. In ihrer Autobiografie der Jahre, bevor sie die bedeutende Schriftstellerin wurde, zeigt sich schnell, wie andersartig, wie klug und unnahbar sie ist. Eine besondere, spannende Persönlichkeit, die es verdient hat, von ihrem Leben zu erzählend Gehör zu finden. Erzählend von einem spannenden Leben, das so viele Stationen durchlaufen hat, die wir gar nicht erfühlen könnten, hätte sie sich nicht die Mühe gegeben, davon zu berichten.

Wie ich sagte: Wie seltsam es ist, wenn alles stimmt. Nur nicht die Tonspur, die ich hören will. Vielleicht aber für jemand anderen? Auf jeden Fall eine außergewöhnliche Geschichte, die ich per se empfehlen kann. Aber nicht mit der Inbrunst, mit der ich es sonst so gerne tue.

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