Barracoon: Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven – Zora Neale Hurston

Oluale Kossola ist sein Name – die Amerikaner machen aus ihm Cudjo Lewis.

Ein Barracoon war eine Baracke, in der verschleppte Afrikaner gefangen gehalten wurden, bevor man sie als Sklaven nach Amerika brachte. Ein Barracoon ist ein fürchterlicher Ort, der ein Leben besiegelt und einen Menschen zu Ware macht. Dieses Barracoon ist die Geschichte eines Mannes, dessen Leben ganz außergewöhnlich erzählt werden muss, weil er der letzte ist, der sie erzählen kann. Das Leben eines amerikanischen Sklaven, der befreit wurde und in Amerika blieb.

Das Grandiose: Hurston nimmt sich selbst so sehr zurück, wie sie es nur kann. In dieser Geschichte ist nicht sie die Protagonistin, sondern Kossola. Er beantwortet zwar Fragen, die sie hinter dem Schleier seiner Antworten geradezu versteckt, aber es bleibt die Wirkung eines alten Mannes, der sein Leben in Etappen nacherzählt. Wie zufällig ist es eine wahnsinnig fesselnde, berührende, einsame Geschichte einer Verfremdung im neuen Terrain und eine persönliche Auseinandersetzung mit der Sklaverei-Geschichte, die so noch nicht erzählt wurde. Aus der Sicht eines Mannes, der dabei war. Der gefesselt wurde. Der Angst haben musste, nicht lebend ein Schiff zu verlassen, das ihn von einem Kontinent auf den anderen entführte und ihn zu einem Verkaufsgegenstand machte. Der aus der Sklaven-Rolle befreit wurde und nie wieder nach Hause zurückkehren konnte. Ein Mann, der von einer Heimat erzählt, die er nur einen winzigen Teil seines Lebens wirklich erlebt hat.

Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Fremdsein, dem Sklavensein, dem Schwarzsein, dem Anderssein, dem Verlieren und Weiterleben. Sie berührt und ist dabei doch so kurz und strikt erzählt, wie es nur aus dem Mund eines Mannes kommen kann, der von sich und seinem echten Leben berichtet. Sein Leben und seine Realität werden echter, je länger er spricht. So kommt es zur Darstellung ihm sehr vertrauter Rituale, Traditionen und Lebenswirklichkeiten, die uns faszinieren sollten, weil sie so menschlich und wahrhaft interessant sind. Weil sie Teil einer Kultur sind, die unterbrochen, wenn nicht zerstört wurde durch die Taten weißer Menschen. Weißer Menschen, die Leben beendet, minderbewertet und weggeworfen haben.

Diese Nacherzählung eines so wichtigen Zeitzeugen weckt in uns hoffentlich diesen Willen, jetzt und immer nicht neutral zu sein, wenn es darum geht, Gleichberechtigung zu verlangen und für BPOC Leben einzutreten. Es erinnert uns, gerade jetzt, dass ein Kampf nötig ist, um Leben zu retten. Es zeigt uns erschreckend, dass sich in einhundert Jahren sehr wenig verändert hat. Es stimmt wütend und traurig.

Deswegen ist es ein wahnsinnig wichtiges Buch, das sich wahnsinnig schnell und mit Sog-Kraft liest. Ein Muss in Bezug auf die Rassismus-Debatte – Lebenswirklichkeiten kennenzulernen und zu verinnerlichen, um solidarisch aussagefähig zu werden.

Denn Black Lives Matter.

Und dieses Buch kann helfen, genau das neu zu lernen.


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