Die roten Stellen: Autobiographie eines Prozesses – Maggie Nelson

Maggie Nelson ist noch jung als ihre Tante Jane ermordet wird und erlebt nur die eigene Familie, das Umfeld ihres Aufwachsens in den Nachbeben dieses abstrusen Todes. Erst Jahrzehnte später schreibt sie als Dichterin eine Aufarbeitung dieser Familiengeschichte eine Gedichtsammlung, die ihre Tante zu Wort kommen lassen soll. Darin verarbeitet Nelson ein Trauma, das sie passiv erlebte, indem sie es aktiv werden lässt, erlebbar und (auch für sie selbst) real. Als der Gedichtband kurz vor seiner Veröffentlichung steht, knapp 30 Jahre nach Janes Ermordung, meldet sich Schroeder bei ihr, der ermittelnde Beamte in diesem Fall, und versichert, dass der Mörder vor Gericht kommen wird. Seine DNA und viele Hinweise und Spuren weisen auf einen unscheinbaren Mann hin, Leiterman, der dreißig Jahre zuvor gemordet hat und jetzt im Verfahren der Staat gegen Leiterman dafür verurteilt werden soll. Die roten Stellen ist die erlebte Welt der Nichte, die sich jahrelang mit diesem Fall beschäftigt hat wie eine besessene Fremde, um mithilfe von dichterischer Freiheit und Empathie eine zurückliegende Geschichte aufzuarbeiten. Eine Geschichte, die jetzt plötzlich, im Sommer 2005, für die ganze Familie wieder auftaut und Gegenwart wird.

Dabei ist das recht kurze Buch nicht nur die Auseinandersetzung von Nelson mit einem Prozess oder einem Mord. Es ist ihre Beziehung mit Mord und Totschlag im Allgemeinen, mit dem Prozess im Speziellen und mit ihrem Leben im Übergeordneten. Sie schreibt auf recht deprimierende Art von einem Leben, das vom Ende bestimmt ist, weil die Gesellschaft von diesem Ende überaus fasziniert ist. Für Nelson ist es wohl eine Aufarbeitung von Gefühlen, die sich jahrelang aufgebaut haben, für den Leser eine Gefühlsmischung unterschiedlicher Lebenslagen in unterschiedlichen Intensitäten. So kommt es nicht nur zur Nacherzählung von Janes Ende, sondern sie erzählt auch vom Ende vieler eigener Beziehungen, vom Ende der ersten und zweiten Ehe ihrer Mutter, vom überraschenden Tod ihres Vaters, vom Ende einer gesunden Beziehung zu ihrer Schwester. Stellenweise fühlt es sich an wie eine Kapitulation, ein resigniertes Ausatmen nach langer Anstrengung des Zusammenreißens und Zurückhaltens. Dabei ist die Geschichte kaum konstruiert und liest sich abstrus voneinander abhängig.

Vor allem ist das ganze Konstrukt wirklich recht deprimierend. Wie Nelson mit der gesellschaftlichen Obsession mit Gerichtsverhandlungen, Todesmeldungen, True Crime und Mordgeschichten abrechnet ist bitter und ehrlich, zeigt die seltsame Selbstbezogenheit der Welt, wenn es um den Schmerz fremder Menschen und die sogenannte Gerechtigkeit, die gebracht, genutzt oder selbstverherrlicht werden muss. Ihre Sprache bleibt durchhaltend berechnend und registrierend, oft wie unbewusst wertend, wie ein bewusster Gedankenstrom. Dieser ist wohl der wahre Reiz dieser knapp 200 Seiten.

Alles in allem ein seltsames, nicht viel investierendes und kurz angebundenes Buch voller kleiner trauriger Geschichten von traurigen und kaputten Menschen, die ihre Gefühlswelt nicht selten anderen aufzwingen wollen. Da bleibt oft nicht viel Raum, um eigene Gefühle wahrzunehmen oder Nachdenklichkeiten anzuregen, was in der Autobiographie eines Prozesses irgendwie naheliegend gewesen wäre, meiner Meinung nach zumindest. Dennoch macht dieser Umstand das Buch persönlicher, gibt dem Ganzen eine eigene Note, die Nelson konsistent mitgibt. Aber für mich trotz der großen eigenen Persönlichkeit auch nicht genug erzählend, worum es eigentlich geht. Es ist oft eine Umreißung von Gefühlen, denen man sich schuldig ergibt oder nicht ergeben kann, oder eine Anreißung von Gefühlen, die zu privat sind, um sie so öffentlich teilen zu wollen, oder eine Abschweifung in einen anderen Schmerz, der auf andere oder ähnliche Weise erfühlt wurde. Wie gesagt, ein irgendwie abstruses Konstrukt von Persönlichkeit.

Alles in allem ein interessanter Einblick in eine Gedankenwelt, ein Ausflug in die irreale Realität eines mehr oder weniger fremden Prozesses und ein Stück außergewöhnliches Literaturexperiment. Ob es das wert ist, wird sehr individuell sein, aber eine Daseinsberechtigung hat Nelson hiermit (wieder) begründet.


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