Der Report der Magd als Graphic Novel nach Magaret Atwood – Renée Nault

Als letzte Station zu den Gilead-Romanen von Margaret Atwood musste die Graphic Novel zum Roman Der Report der Magd unbedingt ein Trio bilden und Einzug in meinen Kopf halten. Gott sei Dank, kann ich nur sagen – und mich freuen, Graphic Novels für mich entdeckt zu haben.

Zunächst ist die Geschichte natürlich die gleiche: Eine junge Frau, die ein mehr oder weniger normales Leben hinter sich zu lassen gezwungen ist, die ihren Körper versklaven muss, um am Leben zu bleiben. Die vergewaltigt wird, gestraft für das Frau-Sein, für das Mutter-Sein, für ihre eigene Existenz, die sie verdammt, im Staat Gilead zu gebären oder zu sterben. Sie ist gesteuert von einem brutalen Patriarchat, das Frauen hasst, Männer privilegiert und mithilfe einer chaotischen und fehlinterpretierten Religion in ein Leben zwingt, das keinen Bestand haben kann. Es entfaltet sich eine Dystopie, die eigentlich schwer in Bilder zu fassen ist, die eigentlich gut – weil schmerzvoll und womöglich unerträglich – in Worten transportiert werden kann. Das treibt sich noch weiter: Es schien mir schwierig und verstörend, einen solchen Roman, der in seiner Sprache eine Einfachheit und Zurückgenommenheit demonstriert, um dem Schrecken die Blöße zu nehmen, in ein bildgetragenes Medium zu transportieren. Die reinen Worte nehmen vieles zurück, verharmlosen an Stellen, verstecken und überlassen der Fantasie, das Übrige zu tun, um uns die Hintergründe begreiflich zu machen.

In Form von Bildern dieses Leid zu betrachten, die Leere in ein Medium zu fassen, das dem eigentlich widerspricht, ist mir ein Rätsel.

Doch sie ist präsent, diese Leere, auf jeder Seite wird das deutlicher. Transportiert wird sie in kleinen Paketen, die kaum weiter auffallen, die die Ausdrücke der kurzen Textpassagen aber immens verstärken. Sie ist zögerlich, provoziert Ungläubigkeit, Verwirrung, an manchen Stellen Ekel oder sogar Wut. Die subtile Stille, die den Roman von Atwood beherrscht, ist hier so präsent wie die Darstellung der Grausamkeiten furchteinflößend genau sind. Sie macht uns vor, wie unterschiedlich die eigene Vorstellungskraft zur eigentlichen Beschreibung sein können, zeigt uns, wie wir uns selbst manchmal unbewusst schützen. So sind der Kommandant und seine Anhänge wirklich erschreckend steinalt, die Zeremonie wirklich eine Vergewaltigung, eine Geburt wirklich ein Diebstahl von Menschen und Würde und die einzige Gefühlsfreiheit der Mägde wirklich ein brutales Mord-Szenario, das die innersten tierischen Bedürfnisse erweckt und grausam freilässt. Das Demonstrative trifft – ganz genau dort, wo der klassische Roman mir nicht genug war.

Nun will ich nicht behaupten, dass die Graphic Novel besser ist als der Roman. Sie ist unglaublich gut, aber besonders wirkungsintensiv als Ergänzung. Manche Stellen sind angedeutet oder werden in ihrer Tiefe nicht klar, den Kürzungen und der unweigerlichen Prägnanz geschuldet. Das ist kein Manko der Graphic Novel hier, sondern vielleicht der Graphic Novel an sich. In direktem Vergleich mit der Romanvorlage kann sie aber sehr viel anderes als dieser vermag. Sie transportiert andere Werte, andere Darstellungen und Pointiertheiten, kann anders punkten und herausarbeiten, und ist so eine grandiose, unvergleichliche Ergänzung zum Report der Magd, die man unbedingt verschlungen haben sollte.


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