Der Report der Magd – Margaret Atwood

Zu diesem Buch hat jeder schon einmal etwas gesagt, geschrieben, gelesen, gehört oder gesehen. Spätestens die Serienadaption, die seit 2016 ausgestrahlt wird, hat das Interesse der großen Masse (wieder) geweckt. Kann das Buch, was der Hype verspricht? Oder ist die große Bekanntheit des Romans der eigentlichen Wirkung schon hinderlich?

Die Geschichte trägt den Leser nach Gilead, einem patriarchalen Staat in der dystopischen Welt eines vergangenen Amerikas. Der Mann hat die Macht an sich gerissen und Frauen in Kasten geteilt, die ihren Wert bemessen und der Gesellschaft des Staates unterdrückende Struktur verleihen. Es gibt die Ehefrauen, die mit blauen Gewändern markiert sind, die Tanten in braun und Marthas in grün sowie die Mägde, die an ihren blutroten, weit ausgestellten Kleidern zu erkennen sind, die ihre Körper verstecken. Dabei sind ihre Körper reines Kapital. Sie sind dem Gebären der Kinder zuständig gemacht, vom Menschen weg degradiert zur Maschine, die die Kinder der einflussreichen Familien austragen und werfen. Um anschließend selbst weggeworfen zu werden.

Die Magd Desfred berichtet nun in ihrem Report von den Umständen ihres Lebens. In Ausschnitten taucht ihre Vergangenheit auf, ihr Kind, ihr Lebensgefährte, ihre kurzen Jeans und enganliegenden Tops. Man liest, wie sie von einem Tag auf den nächsten alles verliert – ihre Heimat, ihr Geld, ihre Zukunft – und den Glauben an ein Zurück aufgeben muss, um zu überleben. Das alles verpackt in den kurzen, wie abgehackten, hastig gesprochenen Sätzen, die sie sich traut von sich zu geben, ergibt eine Hetzjagd, die sich nicht wie eine solche anfühlen darf, wo sie als Magd doch nichts mehr will, als kaum noch aufzufallen.

Fast ist es absurd, die Handlung in Worte zu fassen, ist sie doch um so vieles komplexer als ein Umstand der Frauen und Männer in einer dystopischen Welt. Das vorsichtige Pirschen an mögliche Verbündete (oder Verräter), kleine Ausbrüche aus der Norm, Adaptierungen an Gegebenheiten, die in unserer Zeit kein aufgeklärter Leser für möglich halten würde, Klassifizierungen, die Gehirnströme umleiten, das sind subtil verpackte und wirkende Stoffe, die den Roman zu recht zu einem Klassiker der feministischen Literatur machen.

Dennoch; Wirklich seinem Ruf gerecht wird der Originaltext heute nicht mehr. Beinahe zu versteckt und sanft umschrieb Atwood 1985 die kruden Methoden dieser neuen Welt, zu eindimensional und passiv eingeflochten ist die Protagonistin in eine recht vorhersehbare Handlung. Leicht schleppend kommt der Roman anfangs in seinen eigentlich soliden Fluss, der im letzten Drittel seinen grandiosen Höhepunkt erlebt und endlich den Sog entwickelt, den die Geschichte verdient. Zu lange muss die Umgebung ihren Platz finden oder die Stadt ihre Vergangenheit darlegen, um den Leser zu umständlich dorthin zu führen, wo er sich ohnehin heutzutage befindet. Noch dazu sind die Charaktere – wenn wir ganz ehrlich sind – sehr stereotypisch. Und das zieht sich bis in den Epilog hinaus, in dem männliche, schalkhafte und nicht ernstnehmende Wissenschaftler den Text als historische Quelle betrachten und sich den letzten schlechten und verachtenden Witz natürlich nicht verkneifen können.

Nichtsdestotrotz ist der Roman ein großes Stück Literatur seiner und dieser Zeit. Und es ist so wichtig und richtig, jetzt eine ergänzende Vorgeschichte zu veröffentlichen, die an das Aufsehen des Originals direkt anknüpft. Wenn die im Herbst 2019 erschienene Fortsetzung Die Zeuginnen noch ein wenig moderner und zeitgerechter, vielleicht noch schockierender und aufrührender eine weitere Geschichte in der Geschichte erzählen kann, ist ein weiteres wichtiges Kanon-Werk garantiert und meine große Hoffnung.

Ein Klassiker der Literatur, der gelesen werden will, der nicht verstaubt ist und Perspektiven eröffnet. Er macht wütend und nervös, nachdenklich und bietet allen möglichen Gesprächsstoff auf verschiedensten Themengebieten.


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