Laufen – Isabel Bogdan

Vorab: Das Herz wird bluten.

Was tut man, wenn der Mann fürs Leben das eigene Leben nicht mehr leben will? Dann ist etwas weg, das Wichtigste vielleicht und ein Loch tut sich auf, das alles verschluckt, wofür man einmal brannte. Es verändert jemanden, wenn eine bewusste Entscheidung getroffen wird, gegen die man nicht einmal argumentieren, kaum rebellieren kann. Trauer, Weltschmerz, Wut und Zerrissenheit sind in Isabel Bogdans herausragendem Roman kaum wörtlich auftauchende, aber immerzu schmerzlich wahrnehmbare Gefühle, die sich sofort wie eine schwere Ummantelung ums Herz legen. Und all das nur, weil jemand beginnt, zu laufen.

Die Protagonistin spricht zu ihm, dem Mann ihrer letzten Jahre. Sie spricht zu seiner Krankheit, die ihn ihr wegnahm, von ihren Jahren gemeinsam, von seinen Schlafanzügen, seinem Geruch, der langsam vergeht, seinen Eltern, seinen Leidenschaften und seiner grausamen Bescheidenheit. Sie läuft und läuft, weil sie sich nicht mehr hohl fühlen will und sich verausgabt, indem sie so lange läuft bis sie nicht mehr kann. In langen, nachdenklichen Sätzen hören wir ihr zu, wie sie lernt zu artikulieren, was falsch ist, was sie beschämt, was sie vermisst, was sie verloren hat und was ihr immer noch genommen wird. In den Text verwoben sind feinfühlig ihr unendlicher Schmerz und ihre harte Wahrnehmung dieser Zeit, die eben nicht einfach mit den Jahren vorbeigeht, sondern sie prägt und in ihrem Inneren verändert. Und wir sitzen dabei in ihrem Kopf und dürfen von ihr lernen, was es bedeutet, sich selbst zu verlieren und zu zerschmettern, und wie man sich dann wieder aufsammelt und flickt.

Der Roman tut so sehr weh. Dazu muss man nicht mit einem solchen Fall konfrontiert gewesen sein, man muss nur lesen und lesen und irgendwann weinen. Es fühlt sich echt an, wie die Protagonistin läuft, vor niemandem davon, sondern hin zu sich selbst, zurück und hinein in ein Leben, das gefüllt ist mit Freunden, die sie lieben und mit einer Zukunft, die ihr zusteht und für die sie sich schämt, weil er nicht darin sein wollte. Was sich liest wie das Tagebuch zur grausamen Zeit einer guten Freundin, ist ein Roman mit unvergleichlichen Sogkräften und starkem Sprachbewusstsein. Die Charaktere sind greifbar und fehlerbehaftet, aus dem Leben gegriffen könnte man sagen. Niemand ist perfekt, eingefasst in diese Zeit des Schmerzes, die Herausforderung und Gewöhnlichkeit fordert. Und es wird wunderbar festgehalten: Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Besonders, wenn man eine Freundin wie Rike hat, die aussprechen kann, was sich niemand anderes traut und die die trauernde beste Freundin zum Alsterlauf anmeldet, um sie damit wie zufällig zurück ins Leben zu holen.

Schlussendlich: Wir müssen dieses Buch lesen und wir müssen Trauer verstehen lernen und Schmerz zulassen, auch wenn es das Herz in einen Stein verwandelt. Nichts ist dann besser als zu lernen, dass manches doch irgendwie vorübergeht. Auch wenn es eigentlich ganz nah bei uns bleibt.


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