Brüder – Jackie Thomae

Eine Geschichte von zwei Menschen, die sich nicht kennen, die sich nicht kennenlernen, die verbunden sind, durch eine Herkunft, die sie nicht verbindet, durch DNA und Vaterschaft, Männer, die dennoch unterschiedlicher nicht sein können. Unter dieser Prämisse schreibt Thomae einen Roman, der Persönlichkeit und Charakter erkundet und erforschen will, wie man zu dem wird, was man schlussendlich sein muss – und wer in diesem Schicksal Rollen spielt.

Ihre Sätze entwickeln von der ersten Seite an eine großartige Sogwirkung. Sie spielt mit ihren Figuren und den Menschen, mit denen diese umgehen, wie in einem Kammertheater, setzt sich hier und dort in Köpfe hinein und beschreibt auf diese Weise die Innen- und Außenansicht zweier und einiger anderer mehr oder weniger beteiligter Personen. Dabei entwickelt sich die Welt um sie herum: Von sogenannter DDR zu ganzheitlichem Deutschland, wie es heute existiert, von Beschränkungen, von hundekopfförmigen Stadtteilen, zu plötzlicher Auswahl und vielleicht Freiheit. In diesem Kontrast sollen Mick und Gabriel erwachsen werden und müssen sich zwangsläufig mit der Realität beschäftigen, wie sie sie formt und Halt gibt. Im Verlauf ihrer beiden unterschiedlichen Leben suchen sie Sinn und Vertrauen oder müssen sich Illusionen ihrer eigenen Lebenskonzepte beugen. Kurzum: Sie leben und wir schauen ihnen dabei schamlos zu. Wir sehen alle Abgründe, die sich in ihren kläglich aufrechterhaltenen Konzepten auftun.

Der Fluss der Sätze kann aber nicht darüber hinwegsehen lassen, dass hier und da einige Szenen recht überflüssig sind. Es soll die Prämisse stützen, dass jedes Sandkorn, das unsere Haut berührt, uns verändert und beeinflusst. Das ist philosophisch definitiv eine Diskussion wert, keine Frage, aber im Zusammenhang dieser Momentaufnahmen, die Relevanz anzeigen sollen, nicht in einem Maße herausgearbeitet, wie es am Ende funktionieren sollte. Das Buch ist, trotz seiner einverleibten Einfachheit und Sogkraft, einfach zu lang, zu detailverliebt auch in diejenigen Momente, die keinen Beitrag zur Prämisse stiften.

Wenn dies gesagt ist; Es ist dennoch ein großartiges Buch mit meisterlich herausgearbeiteten Charakteren und Nebenfiguren, die ihren Beitrag sehr gut leisten. Neben den beiden im Zentrum stehenden Männern finden sich beispielsweise starke Frauen, die ihre eigene Geschichte mitbringen und die Welt formen und annehmen, die sich verändern und Prinzipien einbringen, welche die Hirne zum Rattern bringen und auch hier infrage stellen, wie unperfekt ein gut inszeniertes Leben wirklich ist.

Schlussendlich ist das Buch eine Erfahrung wert, die wohl individuell sein wird und in jedem andere Fragen auslösen kann. Und das ist eine Qualität, die nur wenige Romane bringen – und diese sind dann die Wichtigen. Chapeau, Thomae!


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