Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit – Michael Ende: Roman eines Lebens – Charlotte Roth

Es ist der Roman eines Lebens. Und dieses Leben ist bunt, wechselhaft, italienisch, geprägt von Frauen, der Fantasie und dem Wunsch, in dieser Welt etwas zu bedeuten. Charlotte Roth hat in Zusammenarbeit mit Roman Hocke, der zum Schluss ein enger Vertrauter Michael Endes war, ein Buch geschaffen, das sich ohne Weiteres in den Kanon der Ende-Literatur einordnen könnte und sich in seinem Kern anfühlt wie eine ehrliche Hommage an den Künstler und Literaturmenschen, der heute Kult und Kultur ist.

„Die Schildkröte war ein Tier, das kein anderes zum Feind hatte und auch keinem anderen von Nutzen war, das sichtlich auf der Welt keinen Zweck erfüllte, sondern sich damit begnügte, salatfressend auf ihr vorhanden zu sein.“

Dabei verliert sich der Stil oftmals in einem sanften Rausch an Kitsch, der sich zugegeben wohlig im Leser ausbreitet und die Zeilen wohlwollend miteinander verbindet. Besonders der Beginn, wenn Michaels Kindheit erzählt wird, rückt das Magische und Fantasievolle mit Machtwort in den Vordergrund. Sie retten den Jungen, der ein bisschen anders ist, nicht viele Freunde hat, der die Schule hasst und in seinem jungen Alter zum ersten Mal den Männern in den braunen Anzügen  begegnen muss. Jung erlebt er Krieg, Verlust und Trauer, ein System, das Menschen verachtet, und daneben seine kleine Oasen-Familie, die ihn vor allem abschirmt und mit Zuneigung beschüttet. Vom Maler-Vater erbt er die Liebe zum geschriebenen Wort, zum Künstler-Sein und die Opfer, die man gewillt sein muss, zu bringen, wenn man ein Selbst sein will. Schauspieler soll er werden und frei sein, aber die Jugend, das Selbstbewusstsein, oder das Fehlen solchen, und das Leben hindern ihn daran. So beginnt sein langer Kampf um künstlerische Anerkennung, die ihn spät und mit voller Wucht zum Schriftsteller macht.

„Ich nenne mich Schreiber, aber in Wahrheit habe ich nicht einmal einen Beweis dafür, dass ich schreiben kann oder es je können werde.“

So ein ganzes, komplexes Leben ist schwer in zusammenfassende Worte zu fassen, besonders wenn einige Eckdaten so prominent sind. Endes erstes Buch, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, erscheint erst in seinen Dreißigern, Die Unendliche Geschichte noch viel später. Das Davor und das Danach liegen dabei so nah beieinander und irgendwie auch ganz weit voneinander entfernt, aber bleiben wird immer der unsichere Mann, der eigentlich ein großer Künstler sein will. Er will sich um nichts sorgen, als um seine Geschichten – seine Momo, seinen Lukas, seinen Bastian –, schätzt die Liebe und die Frauen ,  seine Frau noch mehr viel, viel mehr, die ihm Struktur gibt. Charlotte Roth bringt alles in einen literarischen, detailreichen Kontext und erzählt ein Buch von einem Mann, der seinen Platz findet und dabei Hilfe braucht, um nicht unterzugehen.

„Es wäre gegen das Schreiben ja auch nichts zu sagen, wenn es nicht stets mit dieser quälenden Überzeugung einherginge, dass ich in Wirklichkeit gar nicht schreiben kann. Dass mich demnächst jemand als Scharlatan entlarven wird. Und wie du weißt, entlarvt mich das Heer Kritiker auch prompt jedes Mal. Das macht es nicht leichter.“

Verträumt, magisch, liebevoll – das sind wohl die richtigen Charakteristika für diesen Roman. Denn das ist er: Ein Roman mit biografischen Bezügen ohne Anspruch auf absolute Korrektheit, der mit seiner Sprache verzaubert, nachhaltig beeindruckt und in seiner ganzen Szenerie und Atmosphäre einen wunderbaren Leserausch erzeugt. Die absolute Wahrheit, die irgendwo darin verborgen liegt, ist gleichzeitig essenziell und nebensächlich, ist doch das Leseerlebnis das, worüber danach gesprochen werden muss. Und das ist einzigartig, ein kleiner Rausch in der Realität, eine Hommage an Michael Ende, ein irgendwie auch ehrliches Portrait eines Träumers.

„Wie seltsam das war, dass einer das Alleinsein so lastend empfand, der doch auf der anderen Seite so viel Zeit für sich selbst benötigte und gern stundenlang allein beschäftigt war. Ich bin ein geselliger Eremit.“

Kurz: Eine große Empfehlung, nicht nur für Ende-Fans.


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