Die Frauen von Salaga – Ayesha Harruna Attah

Im vorkolonialen Ghana begegnen wir in Ayesha Harruna Attahs Debüt den beiden jungen Frauen Aminah, sie ist die Tochter eines Königs, und Wurche, die einem Sklavenhändler-Überfall auf ihr Heimatdorf zum Opfer fällt und daraufhin eine gefährliche Zeit der Unsicherheiten und Misshandlungen vor sich hat. Es soll ein Porträt sein, mit genauem Blick auf das Zwischenmenschliche und das Historische, schreibt der Guardian. Leider habe ich davon nichts gelesen.

Die Geschichte ist so einfach wie ekelerregend: Beide Frauen sind dem Schicksal unterworfen, nicht so viel wert zu sein wie ein Mann. Dabei bedienen sie zusätzlich unterschiedliche Spektren dieser Unterlegenheit: Aminah ist privilegiert, reich und politisch versiert, wenn ihr Vater ihr auch nicht die Freiheit geben kann und will, wirklich wichtige Positionen und Meinungen vertreten zu dürfen. Sie wird gegen ihren Willen verheiratet und muss ein Kind mit diesem Mann bekommen, Umstände, die sie in die Rebellion treiben und schließlich zu einem Schritt verleiten, der ihren Tod zur Folge haben könnte. Auf der anderen Seite ist da Wurche; Sie lebt in einem kleinen Dorf mit einer großen Familie und ist durch ihre ausgesprochene Schönheit schon in jungem Alter nicht sicher vor sexuellen Übergriffen und Anspielungen auf beispielsweise ihre Entjungferung. Als sie dann ihre Heimat in einem aggressiven Überfall durch Sklavenhändler verliert und als Sklavin verkauft wird, muss sie immer wieder einem Teufel in die Augen sehen und sich zwingen, am Leben bleiben zu wollen. Vergewaltigungen, Gewalt und Illegalitäten gehören zu ihrem Alltag. Bis sie Aminah begegnet.

Im Allgemeinen ist der Plot ein anständiger. Es passiert unheimlich viel und die lange Zeitspanne gibt dem Leser die Möglichkeit, auch langfristige Auswirkungen auf die Welten der beiden jungen Frauen zu erfassen. Aber – und das ist ein starkes, überzeugtes Aber – leider schafft es Attah nicht, eine gewisse Dichte zu erzeugen. Obwohl die Dinge in unkontrollierbarer Vielfalt passieren, gerät man zu keinem Zeitpunkt der Geschichte in einen Sog. Verwunderlich eigentlich, wo doch nicht nur die Figuren viel Potenzial mitbringen, sondern auch der Hintergrund der Geschichte viel Interesse wecken dürfte. Zum Beispiel die schleichende Übernahme Ghanas durch die Deutschen, die anti-feministische Haltung sämtlicher Männer der Geschichte, die Wut, die sich durch sämtliche Unfreiheiten einstellt, die Korrelationen des afrikanischen Sklavenhandels, unpassende Lieben oder die offensichtliche Privilegienfrage, um nur einige zu nennen. Und dennoch vermittelt der Roman kaum ein nennenswertes Gefühl, keine definite Stimmung, vielmehr wirkt es so, als plätschere das Leben vor sich hin, als hätte keine Figur auch nur die Idee, das Schicksal anzufechten oder eine Handlung anzustreben, die etwas Unvermeidbar scheinenden entgegenwirkt. Als Leser kann man sich nur von Seite zu Seite wünschen, dass die Erzählung endlich Stellung nimmt, dass mehr Wertung in die Worte gelegt wird, dass endlich jemand nicht einfach hinnimmt, was passiert, sondern kommentiert, in Worten rebelliert, laut wird, Emotionen zeigt und sich nicht nur gegen das Leben wehrt, sondern auch gegen das Unglück.

Und das hängt vor allem mit dem überschnellen Pacing zusammen: Die ganze Geschichte sprengt im Grunde einen komfortablen Rahmen und erzählt von Jahren und mehr Jahren, während in diesen Jahren zu wenig Zeit gefunden wird, um einen Moment wirklich zu erfassen. Währenddessen kann man gar nicht begreifen, warum diese lange Erzählspanne überhaupt nötig ist, wo doch die Essenzen der Geschichte sich nicht auf die Jahre ausbreiten, sondern sich gegenteilig gewissermaßen punktuell einstellen und einfach in zu großen Abständen zueinander stehen, um miteinander Verbindung aufzunehmen. So entstehen immer wieder lange, unerzählte Pausen, in denen monatelang nichts passiert sein soll, das erwähnenswert wäre. Das nimmt den Situationen mitunter ihre Ernsthaftigkeit, trotz der wirklich ernstzunehmenden Situationen, durch die die Frauen sich zu kämpfen haben. Wenn alles sowieso passiert, muss man sich fügen und abwarten, so wirkt die Devise.

Natürlich finden sich dennoch immer wieder diese Szenen, die einen aufatmen lassen, vor Schreck oder vor Freude. Wie die jungen Frauen sich in diesen Rahmen der trübseligen Unabänderlichkeit gezwängt wehren, sich ärgern, ihren Gefühlen manchmal Raum lassen und von ihnen erzählen, da ergibt sich etwas wie ein Verständnis und eine Bindung zu ihnen. Aber auch diese Augenblicke sind zu kurzangebunden, zu nebenbei erzählt. Kaum wagt es eine, etwas zu tun, das gegen Normen verstößt, muss der Text wieder eine Pause einlegen und von weniger erschreckenden Dingen berichten, sodass kein Schock entstehen kann. Dabei geben die Szenen eine große, grandiose Möglichkeit, uns zu schockieren! Ich wollte mit Ehrlichkeit schockiert werden und wurde leider am Ende bloß gelangweilt.

Schade, aber vielleicht erwartet uns mit Ayesha Harruna Attah noch ein größeres Glanzstück, wenn sie sich nicht, wie hier, mit biografischen Details wie Jahres-Lücken und Erzählpausen aufhalten lässt. Weil in ihren Zeilen eben doch ein bisschen von diesem Funken mitschwingt, den sie bloß nicht zu einem Feuer ausweiten kann. Es heißt: Abwarten.

 

 

 

 

 

* Das Buch ist ein vom Verlag bereitgestelltes Rezensionsexemplar. Der Beitrag ist aber in keiner Weise mit dem Verlag assoziiert, spiegelt nur meine eigene Meinung wider und enthält keine bezahlte Werbung.

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