Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen. Maeve Brennan: Eine Biografie – Michaela Karl

Gekleidet als eine Reise in ein intellektuelles Sex and the City der Zwanzigerjahre in New York wartet diese Biografie mit einer Besetzung auf, die kaum prominenter sein könnte: Die vielbeschäftigte und gefragte Journalistin und Autorin sowie Literaturkritikerin Maeve Brennan arbeitet im Laufe ihres Lebens zunächst bei der Harper’s Bazaar und später die längste Zeit ihres Lebens beim berüchtigten New Yorker. Dort hausiert sie mit Berühmtheiten wie Charles Addams, dem Begründer der Addams-Family, James Thurber oder ihrem späteren Ehemann St. Clair McKelway. In der turbulenten und glamourösen Zeit der Jahre zwischen den Weltkriegen bis hin zur Zeit danach, in der Maeve Brennans Berühmtheit erst wirklich erwähnenswert wird, kommt es zu unterschiedlichsten Begegnungen, Affären und Begebenheiten, die sie schließlich zu einer der einflussreichsten und bekanntesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit und schlussendlich wahrscheinlich zur Vorlage der Holly Golightly, dem (gelinde gesagt) Partygirl in Truman Capotes Novelle und späterem Filmerfolg Frühstück bei Tiffany’s machen.

Doch der Reihe nach. Maeve Brennan wird 1917 in ein gespaltenes Irland und als Tochter zweier Unabhängigkeitskämpfer und Revolutionäre geboren. Nach einer außergewöhnlichen Kindheit bei Dublin zieht sie mit siebzehn Jahren mit ihrer Familie nach Washington D.C., wo ihr Vater als Gesandter der irischen Regierung einberufen wird. Dort beginnt ihre Entwicklung, weg von den spröden Moralvorstellungen des streng katholischen Irlands der Revolutions- und Hungersnotjahre hin zu einer feministischen Selbstbestimmung und moralisch freien Journalistin, die sie im Laufe ihres Lebens als Gallionsfigur der noch nicht begründeten Frauenrechtsbewegung zu repräsentieren beginnt. Sie arbeitet hart und schreibt sich durch ihre kluge Beobachtungsgabe und ihr natürliches Talent in die Redaktionen von hervorragenden und berühmten Zeitschriften. Einen Namen macht sie sich mit der Kolumne der „Langatmigen Lady“ beim New Yorker, ein Pseudonym, unter dem sie Beobachtungen und kluge Kommentare zu bestehenden Diskussionen und Plattformen abgeben kann. Als diese unter ihrem Namen in einem Sammelband veröffentlicht werden, ist Maeve Brennan auf dem Höhepunkt ihrer schriftstellerischen Karriere und außerdem als glamouröses Party-Girl in der ganzen Stadt bekannt. Sie frequentiert mit Kolleginnen und Kollegen die bekannten Bars und Szene-Restaurants der Stadt und gehört zum guten Ton einer jeden Feierlichkeit dazu. Ihr Stil wird im ganzen Land kopiert und ist bis heute zeitlos geblieben: Klassische Hochsteckfrisur, schwarzes Kleid und Perlenkette. Unbeeinflusst von den Modeströmungen ihrer Zeit beschäftigt sich Brennan hauptsächlich mit der schriftstellerischen Verarbeitung ihrer Kindheit in Irland und mit Kurzgeschichten, die eine intelligente Darstellung von ausgeklügelten Charakteren berücksichtigen. Charaktere, die meist alles andere als sympathisch sind. Sie schafft es beispielsweise, in mehreren Zyklen die Geschichte zweier Familien zu erzählen, die beide auf unterschiedlichste Weise aufgrund unterschiedlichster Missverständnisse und/oder Kommunikationsprobleme ein grauenhaftes Leben führen müssen und die auf unterschiedlichste Art und Weise dazu beitragen, die eigene Fatalität zu besiegeln, indem sie die eigenen Gegebenheiten entweder nicht erkennen oder nicht ausnutzen können. So und ähnlich entwickelt sich ein Bild von der Autorin selbst: Ihre Liebe zur Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und ihr Unverständnis der konservativen Flügel ihrer eigenen Familie und Umgebung sowie des eigentlichen Heimatlandes Irland, von dem sie sich im Laufe der Jahre mehr und mehr entfremdet.

Das und noch viel, viel mehr, wie ihre geistliche Krankheit, ihre Ehe mit St. Cloud McKelway, der selbst mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, die Vergangenheit von und komplizierte Beziehung zu ihren Eltern und der irischen Familie im Allgemeinen, ihre Sucht nach Unabhängigkeit, die sie sogar in die ständige Obdachlosigkeit und einem Leben in Hotels treibt, ihre tiefgründige Tierliebe oder ihre Art, zu schreiben und so zu verstehen, ist Teil dieser schnelllebigen Frau, die kaum etwas mehr schätzte, als die eigene Einsamkeit. Michaela Karl schildert mithilfe von Worten und Beobachtungen der Kollegen und Freunde Maeve Brennans das bunte Leben einer Großstadt-Liebhaberin und Autorin, die schließlich tragisch an sich selbst zugrunde gehen muss. Die faszinierende Frau hinter der „Langatmigen Lady“ ist diese Nacherzählung mehr als wert und sollte nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Im Gegenteil ist die Popularität der Werke Brennans gerade in Deutschland und Europa in den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends erst angekommen und auch von der Kritik erfolgreich angenommen worden. Ihre prominente Bekanntschaft und die außergewöhnlichen Umstände, die mit der Arbeit beim New Yorker einhergehen, bereichern die Erzählung zusätzlich und der Leser fühlt sich in einer fremden Zeit angekommen, in der der freie intellektuelle Geist seinen Höhe- und schließlich seinen Tiefpunkt findet. Die Einflüsse auf Brennans Leben, die diese Zeit nach sich zieht, sind streckenweise atemberaubend und man fragt sich doch das eine oder andere Mal: Warum gibt es diese Kultur heute nicht mehr in dieser Form und warum war Maeve Brennan in Europa bisher (noch) kein Begriff?

In allem ist Michaela Karl an dieser Stelle ein gutes Stück gelungen, trotz des proklamatischen und durchaus unpassenden Titels. Sie hat sich eine außergewöhnliche Frau herausgesucht, sie sehr gut charakterisiert und ihr und ihrer Umgebung eine passende Stimme verliehen. Ihr Leben macht Lust auf mehr und vor allen Dingen weckt sie das Bedürfnis, mehr und mehr von und über Maeve Brennan zu lesen, die heute mehr noch als vor wenigen Jahrzehnten als absolut zeitlos eingeordnet werden kann. Sie, ihre Überzeugungen und Werte, ihre Scheidung und zahlreichen Affären, ihre Labilität und wahrscheinliche Trunksucht, die damals bestenfalls als anrüchig wahrgenommen wurden, sind heute stellenweise kaum noch der Rede wert, die Thematiken dabei aber eben von Frauen wie Maeve maßgeblich beeinflusst, oder hochaktuell. So oder so ein bemerkenswertes Stück Literatur- bzw. Kurgeschichten-Historie und Kultur, das auf wenigen Hundert Seiten einen außergewöhnlich passenden Ton trifft.

Und im Anschluss kann man sich nun umso besser Frühstück bei Tiffany’s ansehen (und die Novelle von Truman Capote lesen)!

 

 

 

 

 

* Das Buch ist ein vom Verlag über das Portal NetGalley bereitgestelltes Rezensionsexemplar. Der Beitrag ist aber in keiner Weise mit dem Verlag assoziiert und enthält keine bezahlte Werbung.

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