Verwirrnis – Christoph Hein

Ein Roman, dem meiner Meinung nach aktuell viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: Verwirrnis von Christoph Hein. Darin geht es um die ungewöhnlichen Entscheidungen einer Jugendliebe zwischen Friedeward und Wolfgang, denen aufgrund ihrer Homosexualität und ihrer Zeit, um 1960, von ihrem Umfeld unablässig Steine in den Weg gelegt werden. Weil sie nicht offen miteinander zusammen sein können, sei es aufgrund Friedewards hoch-konservativen Vaters, der ihn noch mit 17 Jahren als Erziehungsmaßnahme mit einem Siebenstriemer verprügelt, oder einfach aufgrund der Gesetzeslage, die Homosexualität als Sodomie strafrechtlich verfolgt. Weil die beiden aber dennoch gemeinsam ihre Liebe leben wollen, lassen sie sich auf Lügen ein – und gehen sogar so weit, Friedeward mit einer guten Freundin zu verheiraten, die ebenfalls ein Geheimnis zu hüten hat. Das Lügenspiel geht so weit, dass ihre Liebe zueinander bald auf die Probe gestellt wird.

Anfänglich kann dieser Roman schlicht als eine Ode an die Liebe betrachtet werden, sei sie nun zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau. Und das ist es natürlich auch; Ganz nebenbei entwickelt sich eine ganz natürliche Liebe zwischen zwei besten Freunden, die darin kein Verbrechen sehen, wo keines ist. Das spürt der Leser. Glücklicherweise ist es kein Versuch, die Liebe als seltsam, unnatürlich oder anders zu bewerten, sondern im Tonus wie eine klassische Liebesanbandelung in einem Roman. Mit einer Leichtigkeit, die der Thematik gebührt, erzählt Hein von einfach von Liebe, und auch der Leser kann keine Andersartigkeit an dieser Liebe finden. Tatsächlich ist die einzige Absonderlichkeit die Handlungen des Vaters, der all diese Selbstverständlichkeit nicht teilen kann.

Womit wir bereits in einem weiteren Feld wären, das Hein beeindruckend abgrast: Die Geschichte hinter der Geschichte. Es ist nicht einfach, diesen Roman in eine Schublade zu stecken, wenn nicht sogar unmöglich. Eigentlich handelt es sich um eine Lebensgeschichte, die einen durch die Geschehnisse und Gebräuche der Nachkriegszeit, DDR und LGBTQ+-Rechte führt, die sich nur nach und nach unsererm heutigen Verständnis von Gerechtigkeit annähern. Und der sachliche Ton, der die schwule Liebesgeschichte so wunderbar erlebbar macht, zieht sich ebenfalls in die deutsche Staatsgeschichte hinein. Mit Friedeward erleben wir die Besatzungszonen, das geteilte Berlin, die sogenannte Republikflucht und die Errichtung der Mauer, und mit einem Mal scheint all das gar nicht so weit weg. Beinahe neutral berichtet Hein von einer ehemaligen Realität, die staunen lässt, wie viel sich zum einen verändern kann und wie schnell manche, eigentlich kaum tragbare, Situationen Alltag werden könne, nur weil es keine Alternative gibt.

Kurzum findet sich in nur einem Roman viel Stoff, über den sich diskutieren lässt, sprachlich angenehm und in ruhigem Tonfall erzählt, von einer Außensicht betrachtet, aber dennoch anrührend persönlich in seiner Darstellung. Am Ende geht es um die Liebe, zwischen zwei Männern, zwischen guten Freunden, zwischen Ost und West, zwischen normal und normal. Eine kleine Harmonie in der kreischenden Lautstärke der deutschen Geschichte, mit bitterem Beigeschmack.

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