Zweimal Lebenslänglich: Wie ich seit drei Jahrzehnten für meine Freiheit kämpfe – Jens Söring

Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal meine Gedanken zu einem solchen Buch aufschreiben würde, niemals hätte ich erwartet, einmal ein solches Buch zu lesen. Ein Mann, der im Gefängnis sitzt, unschuldig? Da sollte jeder ehrlich an die eigene Nase fassen und zugeben, dass das nichts ist, das man glauben möchte. Ich wollte es nicht. Und dann habe ich gelesen und gelesen und ich konnte nicht mehr aufhören.

Es ist eine so unrechte Geschichte, dass es schon beinahe ein Trauerspiel ist. Jens Söring erzählt aus seinem Leben, seinem wahren, realen Leben, auch wenn es oft nicht so klingt. Er erzählt von Elizabeth Haysom, von ihrer heftigen Liebesgeschichte, von dem Mord, den sie bald begeht, an ihren Eltern, die im März 1985 in ihrem eigenen Haus tot aufgefunden werden. Er erzählt von seiner manischen Liebe zu diesem Mädchen, für das er den Macbeth spielen will, für das er am Ende sein Leben hergeben muss, aber nicht so, wie er sich das vorstellte. Er gesteht diesen Mord, den er nicht begangen hat, weil er Elizabeth retten will, vor dem elektrischen Stuhl. Das schafft er auch. Sämtliche Beamten glauben ihm sein Geständnis, es kommt zum Prozess. Doch die Blase der Vergötterung zerplatzt nach und nach, zum Beispiel als Elizabeth in ihrem eigenen Prozess gegen ihn aussagt. Sie reitet ihn hinein – in ein Leben hinter Gittern, zweimal lebenslänglich.

Man kann diese Geschichte gar nicht erzählen, ohne das Gefühl zu haben, sämtliche Fakten außer Acht zu lassen. Es ist eine feine Verkettung von widerwärtigen Ereignissen und Entscheidungen, die Söring nun seit mehr als dreißig Jahren von Gefängnis zu Gefängnis wandern lassen – unschuldig. Außerdem lässt diese Geschichte sich nicht erzählen, ohne Partei zu ergreifen. Nicht nur für einen sehr wahrscheinlich unschuldigen Häftling, sondern vor allem gegen ein verpfuschtes Rechtssystem, das in Virginia im Speziellen und in den USA im Allgemeinen das Leben von Menschen zerstört ohne mit der Wimper zu zucken.

Denn es ist nicht nur eine persönliche Tragödie, die Söring beschreibt, es ist der niederträchtige Umgang mit Menschen, die nicht einmal als solche betrachtet werden. Er erzählt von einer Parallelwelt in den Räumen und Bauten hinter den Betonmauern und Stacheldrahtzäunen, die erschaudern lassen. Missbrauch, psychisch und physisch, Demütigungen unterschiedlichster Art, Unprofessionalität, Unwürde, Kriminalität in einem neuen Gewand. Je mehr er erzählt, desto unglaublicher erscheint all das, desto weniger will man ihm glauben. Eigentlich liest es sich wie ein guter Thriller, denke ich immer wieder während der Lektüre, und zucke fast zusammen, denn das ist es nicht, das ist Realität.

Jens Söring versteht es, Fakten mit Fakten zusammenzuführen und dabei beinahe seine eigene Gefühlswelt davon zu trennen, was er zu berichten hat. Die fast wenigen Momente, in denen er sich erlaubt, Emotionen zu zeigen, sind von einer analytischen Fragestellung ummantelt und kaum als wahrnehmbarer Schmerz zu fühlen. Und das macht alles noch viel widerwärtiger. Dass er nicht einmal wütend sein darf, weil ihn das zu kriminell wirken lassen könnte. Dabei sind es diejenigen, die ihm einen unfairen Prozess zumuten, die seine Worte im Munde verdrehen, die ihm keine Wiederaufnahme der verpfuschten Prozesse erlauben, die sollten es sein, die kriminell wirken. Aber diese sind es, die Söring unter Verschluss halten.

Ich komme mir dabei schon ein wenig vor, als würde ich eine Verschwörungstheorie heraufbeschwören, aber wieder: Dem ist nicht der Fall. All die Erlebnisse, all die Fakten, all die Zeugenaussagen, falschen Experten und nicht zugelassenen Beweisstücke gibt es wirklich. Genauso wie einen Deutschen, der nichts lieber will, als nach Hause kommen.

Wer eigentlich nicht versteht, wovon ich spreche, und sich nicht bemühen will, dieses (noch dazu grandios geschriebene) Buch zu lesen, dem kann ich andere Möglichkeiten bieten, um sich mit diesem Fall auseinanderzusetzen. Zum Beispiel den Dokumentarfilm Das Verbrechen aus dem Jahr 2016, das sogar Gerichtsvideomaterial zeigen kann, von Elizabeth Haysom ebenso wie von Jens Söring. Besser als jeder Horrorfilm. Oder der kostenlose NDR Podcast, der aktuell diesen Fall von vorne aufrollt und ebenfalls Tonaufnahmen aus den Verhandlungen darbietet. Viele andere Quellen, andere Bücher von Söring und anderen, die sich mit ihm beschäftigt haben, genauso wie Zeitungs- und Internetartikel, sind unbedingt empfehlenswert.

All das beschäftigt. Weil es die Geschichte eines Menschen ist, der menschlich gehandelt hat. Vielleicht zu menschlich.

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Ein Gedanke zu “Zweimal Lebenslänglich: Wie ich seit drei Jahrzehnten für meine Freiheit kämpfe – Jens Söring

  1. Ich habe vor einiger Zeit Das Verbrechen gesehen und es hat mich danach noch lange beschäftigt, ob Söring tatsächlich unschuldig im Gefängnis sitzt oder nicht. Aus dem Film ging das nicht klar hervor, die Frage wurde offen gelassen. Eine sehr bewegende Geschichte, auch wenn ich nur anhand des Films keine Partei ergreifen kann. Sagt er darüber etwas, ob er noch Chancen sieht, seine Unschuld jemals vor Gericht beweisen zu können?

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