Die Glasglocke – Sylvia Plath

Nach der Lektüre von Connie Palmens Roman Du sagst es, der sich mit der tragischen Liebesgeschichte und dem gemeinsamen Leben von Ted Hughes und Sylvia Plath auseinandersetzt, muss eine Pflichtlektüre unbedingt erfolgen: Die Glasglocke. Es ist die von Plaths persönlichen Erlebnissen geprägte Geschichte von Esther Greenwood, einer gefeierten College-Stipendiatin und jungen Schriftstellerin, die im Sommer des Todes der Rosenbergs auf dem elektrischen Stuhl, 1953, einer schwerwiegenden Existenzkrise verfällt und unter Depressionen in eine Nervenklinik eingeliefert werden muss. Grob, und ehrlich gesagt zu einfach, beschrieben.

Tatsächlich schildert Plath auf eine bedrückend leichtfertige Weise von ihrer frühen Jugend, in der sie einen ersten Selbstmordversuch überlebte und mit Schocktherapie, Psychologen, Heilanstalten und ihrem eigenen Umfeld zurechtkommen musste, noch dazu in einer Zeit, in der Depressionen und generell Andersartigkeit in der Gesellschaft kaum Akzeptanz, zu schweigen von Toleranz herrschte. Immer wieder schimmert dabei ein feiner Schmerz durch, der sich offensichtlich durch ihr ganzes Leben zieht, sie zu einer besonderen Dichterin macht,  der aber in der Einrichtung, in die sie ihre Mutter schickt, erst richtig erwacht und sie, in Augen der zuständigen Ärzte, verrückt macht. Sie beschreibt dieses Eingeschlossensein in ihre eigene, abwechselnd zu kalte und zu emotionale Gefühlswelt als diese titelgebende Glasglocke, die bedrohlich über ihrem Leben hängt und droht, ihr die Luft zum Atmen zu rauben.

Dieser Roman ist auch heute noch, 55 Jahre nach Erscheinen und nach Selbstmord der Autorin, so wichtig und lesbar wie eh und je. Nicht nur, weil Depressionen und andere mentale Krankheiten heute so aktuell besprochen werden (können und sollten) wie noch niemals zuvor, sondern auch, weil das Gedankengut seinem Alter weit vorauseilt. Liest man Plaths Worte, kann man leicht denken, dass sie im neuen Jahrtausend lebte, und nicht kurz nach dem Krieg. Sie schreibt modern, in brillant einfach gehaltenen Worten über eine eigentlich unbegreifliche Gefühlswelt und macht diese Emotionen vor allem eins: Erlebbar und nachvollziehbar. Mit Esthers naiven Augen sehen wir auf eine absurde Welt, die nicht wahrhaben will, dass nicht die Verrückten, sondern die Welt ein Problem hat, das Beachtung finden muss. Differenziert und persönlich schreibt Plath nur kurz bevor sie selbst sich das Leben nimmt von einem Phänomen, das so viele Menschen heimsucht und von all den Problemen, die diesen Menschen in den Weg gelegt werden. Und die schreckliche Angst vor Schocktherapie und die Nutzlosigkeit der damaligen Therapeuten sind nur wenige davon.

Die Glasglocke ist einzigartig. Sie hat natürlich den Weg geebnet für viele folgende Werke, man sollte aber nie vergessen, wie bahnbrechend sie handelte, dass sie den ersten Schritt tat. Nicht zuletzt ist sie nun auch ein Teil der heutigen Welt, die uns mitunter umzingelt und unseren Atem stocken lässt. Und wie wichtig ist es da, wenn wenigstens ein Mensch den Mut gefunden hat, diese Glasglocke zu durchbrechen, um nach Atem zu ringen? Auch wenn sie schlussendlich an ihrer Krankheit zerbrach, ist sie doch eine phänomenale Schriftstellerin, die es gewagt hat, der Welt den Spiegel vorzuhalten und so vielen Menschen eine Stimme zu geben, die dachten, sie hätten nicht mehr die Luft dazu.

Und das ist, auch heute noch, unheimlich viel wert.

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Ein Gedanke zu “Die Glasglocke – Sylvia Plath

  1. Hallo,

    „Die Glasglocke“ habe ich vor langer Zeit als Teenager gelesen, möglicherweise sollte ich es als Erwachsene noch einmal lesen und schauen, wie es heute auf mich wirkt. Ich weiß gar nicht, ob mir die autobiographischen Bezüge und der Suizid der Autorin damals bewusst waren — wenn ich mich richtig erinnere, habe ich es ohne Vorwissen aus der Bibliothek ausgeliehen.

    Ich hatte mal einen Internetbekannten, der in Amerika lebte. Nach dem plötzlichen und unversehbaren Tod seiner Lebensgefährtin verfiel er in schwere Depressionen und wurde letztendlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Als er nach Monaten entlassen wurde und wieder Zugriff auf das Internet hatte, war ich schockiert, als er von Schocktherapie berichtete. Ich war bis dato der Meinung gewesen, das werde heutzutage gar nicht mehr gemacht, und für mich klang es wie Folter…

    Ganz zu schweigen davon, wie fragwürdig es ist, jemanden mit Schocktherapie zu behandeln, der offensichtlich einen ganz konkreten Grund für seine Depressionen hat und dafür Therapie braucht.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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