Der Fall Meursault: Eine Gegendarstellung – Kamel Daoud

Für manch einen Camus-Fanatiker, zu denen ich mich zweifelsfrei zählen will, ist diese Lektüre definitiv Pflicht. Preisgekrönt und vollgestopft des professionellen Lobes, allein des Konzeptes wegen aufsehenerregend anders, ist es unmöglich daran vorbeizugehen, ohne zumindest die Augenbrauen interessiert nach oben schnellen zu lassen. Aber was kann dieser Fremde, der sich an der Weiterführung einer Geschichte versucht, die eigentlich gerade durch ihre Einfachheit und vor allem durch ihr abruptes Ende brilliert?

Es ist nicht einfach verständlich zu machen, worum es in diesem Roman geht. Natürlich, es ist der Bruder des Arabers, der jenem einen Namen gibt und weiter geht, als es sich die Poesie des Klassikers erlaubte. Mit Namensnennung, Familienhistorie und weitreichenden Folgen, die dem Mord unmittelbar anhängen, ist es allerdings nicht genug. Kamel Daoud versucht sich an einer vollkommenen Camus-Satire, einer Kritik, die allerdings nichts ins Lächerliche zieht, sondern gekonnt die Umstände der für die Philosophie dienlichen Zeichen und Symbole auseinandernimmt und in eine Realität verpackt, die den Leser erzittern lässt. Oder lassen soll.

Die Gegendarstellung ist voller Emotionen, die im Fremden fehlen: Wut, Trauer, Angst, Rache, Liebe, Verletzung, Verlorenheit. Doch der Autor setzt sie bewusst ein, so bewusst sogar, dass Haroun, der erzählende Bruder, mit den Seiten zu einem Klon des weltberühmten Meursault verkommt, sich selbst aufgibt oder verliert und für seine Mutter und ihren anderen Sohn das eigene Selbst-Bewusstsein außer Acht lässt. Inmitten einer historischen Kulisse der algerischen Unabhängigkeitsbewegungen muss sich die Familie des Arabers gänzlich anderen Herausforderungen stellen, als der Existenzialist im Zwillingsroman.

Es ist schwer mitanzusehen, wie eine ganze Generation das Gedankengut eines einzelnen Mannes so schwernehmen und in sich zu einem schwarzen Klumpen des Hasses verarbeiten kann. Zumindest tut das Haroun. Der fiktive Meursault ist in seiner Welt ein gefeierter Schriftsteller geworden und dem Tod von der Schippe gesprungen, das dem gesamten Roman einen bitteren Beigeschmack verleiht, der aber mit dem lebendigen Mörder nicht aufhört. Die Geschichte, die sich im Grunde aufbaut, wie Camus‘ Nobelpreis-Roman Der Fall, wird nicht chronologisch erzählt und wirkt somit wie ein gedankenloses Gebrabbel eines in die Jahre gekommenen Einwanderers, der seinen Bruder fatalerweise, aber rein zufällig, verloren hat, dessen Tod der Geldwäsche dienlich ausgeschlachtet wurde. Er sitzt in der Kneipe in Oran, dem Zentrum der Pest, und erzählt seine eigene Schuldgeschichte, die er ebenso wenig rein anzunehmen vermag, wie Meusault.

Vielleicht ist es das, was mich stört. Der Roman klingt wie eine Kampfansage an den Existenzialismus, an Camus und seinen Fremden, an den herrschenden Hass der Freiheitsbewegung in Algerien der 60er Jahre. Aber dann ist es doch nur eine Schuldgeschichte, die der zweite Meursault nicht wahrhaben möchte. Es ist wieder die Mutter, es ist diesmal die Unschuld des Mondes und nicht die sengende Hitze, die ihn zu seiner Missetat verleitet, es ist wieder ein Schuldiger, der sich nicht rechtfertigen muss, um sich nicht schuldig zu fühlen. Streckenweise langatmig, stellenweise unglaublich poetisch und pointiert erzählt ist der Roman zwar ein interessantes Gedankenprojekt, aber im Grunde ein einfacher Abklatsch der Camus-Romane, wie man sie kennt. Zweifellos kennt Daoud sich mit denen aus, er jongliert mit ihnen, wie ein Zirkusartist, aber sie wirklich in die versprochene Kritik nimmt er sie nicht. Im Gegenteil, er unterstreicht sie beflissentlich.

Und vielleicht ist es genau das, was wir in der heutigen Zeit brauchen. Eine Erinnerung an die Ideen eines Mannes, der seinerzeit eine Stimme gefunden hat, die die Welt erschüttert hat, die sie hat nachdenken lassen und der sie umgekrempelt hat. Es ist eine feine Hommage an das Erbgut des französischen Algeriers, der mit seinen Romanen ein Zeichen gesetzt hat. Und wer schon zuvor mit diesem Franzosen vertraut war, wird sich in diesem Stiefbruder wiederfinden und zumindest den ein oder anderen Satz tief in sein Inneres aufnehmen.

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