Elefant – Martin Suter

Martin Suter wird für diesen Roman gefeiert, verehrt und gelobt, als würde es keinen Halten geben. Er schreibt die Geschichte über einen kleinen, leuchtendrosa Elefanten, der ohne großes Wissen und Gewissen in eine Welt kommt, die ihn nicht versteht und ihn entweder fürchtet, als Anfang einer Zeit, die noch viel Schlimmeres vermag, als einen solchen unnatürliche Elefanten, oder ihn als Heiligtum ansieht, beziehungsweise nicht versteht. Doch womit spielt Suter hier eigentlich? Was will er mit dieser absurden (oder nicht ganz so absurden) Geschichte bezwecken?

Nunja. Es ist nicht einfach, diese Frage zu beantworten. Der kleine Elefant, ein gentechnisches, im Grunde genommen fehlgeschlagenes, aber doch einzigartiges Experiment, steht für die Industrie, wenn man so will auch für den Menschen, der die Welt verändert, ohne über die Welt an sich nachzudenken. So unnatürlich, wie der zivilisierte Durchschnitt sich begreift, so unnatürlich soll die Umwelt werden, so die allgemein akzeptierte Maxime. Wobei das vielleicht schon zu einfach ist. Die Gentechnik und -forschung soll retten, verändern, optimieren. Sie soll die Menschheit unwiederbringlich verbessern und wird hier so von Suter gekonnt satirisch auf den Arm genommen, indem diese hochbrisante Technik missbraucht wird für ein denkbar unnützes, leuchtendes Spielzeug. Und obwohl diese Grundlage für einen Roman eigentlich sehr gelungen ist und weitläufig Grenzen öffnet, an die sich selten belletristische Autoren heranwagen, hatte ich bis zum Schluss das Gefühl, dass Suter nicht zu Ende denkt, das Potenzial seiner Idee nicht ausschöpft. Natürlich, er begreift und vermittelt, dass die Genindustrie ein riesiges, ausuferndes Feld ist, das man beobachten und mit Distanz erleben muss, ein Gebiet, das eine Ethik verlangt und benötigt, Regeln und Verbote beherzigen muss, um uns nicht den Untergang der Welt zu bescheren. Und dennoch, ich begreife Suters meisten Entscheidungen in der Vermittlung dieser Thematik nicht ganz.

Zum einen benutzt er die Figur eines Obdachlosen, der seit zehn Jahren auf der Straße lebt und der den Elefanten passiv nutzt, um sich wieder in eine Gesellschaft zu integrieren, die er so abstoßend fand, dass er kein Teil davon sein wollte. Zum anderen gibt es dann da diese Tierärztin, die der Welt ihren natürlichen Lauf lassen will, um das Gleichgewicht nicht unnötig zu verwackeln, während sie selbst ein gewisses Ungleichgewicht auslöst, allein durch ihren Beruf, und das okay findet, weil sie das so findet. Dann gibt es noch den klassischen Bösewicht, der aus Versehen ein Superexperiment vollbracht hat, der wirklich nichts fertigbringt, als ständig wütend Leute anzubrüllen. Dieser Mann wird unterstützt von Ausländern, die ihn eigentlich nur für ihre Zwecke missbrauchen, die einzige Randfigur, die mir auf metaphorischer Ebene Sinn zu machen scheint.

So viele Figuren, für eine Geschichte, die praktisch ohne Spannungsbogen auskommt, schnörkellos und geradlinig, und die von menschlichen Veränderungen geprägt ist, die, mir zumindest, keinen ausreichend tiefgreifenden Ursprung haben. Ich will außerdem nicht zu viel vorwegnehmen, aber die Geschichte selbst, die verschiedenen Handlungsstränge, die sich vorrangig durch die wechselnden Handlungsorte charakterisieren lassen und ansonsten keinen Stimmungswechsel vollziehen, wo ein solcher sinnvoll gewesen wäre, diese Stränge laufen allesamt ins Nichts. Als ich die letzte Seite gelesen hatte, kam ich mir betrogen vor. Das ist vielleicht etwas streng ausgedrückt, aber eine Handlung von solcher etwaigen Tragweite zu fabrizieren und dann nicht bis zum bitteren Ende zu denken, sondern nur den rosa Elefanten um des Elefanten willen zu erschaffen und die Welt nicht ein bisschen davon beeindrucken zu lassen, das kommt mir nicht besonders vollendet vor.

Natürlich bleibt die generelle Thematik grundlegend sehr wichtig, vor allem für eine moderne und rücksichtslose Gesellschaft wie die unsere heutzutage, und die Nebensträngenthematiken, wie Obdachlosigkeit, Sucht oder Selbstprojizierung sind nicht minder einprägsam und aktuell. Und dennoch hat Suter mich mit seinem beschränkten Ende enttäuscht. Weil man noch so viel mehr daraus herausholen könnte. Weil man noch so viel länger hätte schreiben können. Weil der Elefant der Beginn etwas so Wichtigen hätte sein können, er so viel mehr könnte, als nur rosa zu leuchten und Kokosmilch zu trinken.

Was meint ihr? Wie steht ihr zu Suters Erfolgsroman und seinen Thematiken?

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2 Gedanken zu “Elefant – Martin Suter

  1. Hallo 🙂
    Ich habe den Roman leider noch nicht gelesen, auch wenn er seit einer Lesung auf meiner Wunschliste steht. Die Problematik finde ich aber prinzipiell sehr spannend! Gentechnik wird ja aktuell immer mal wieder und meist ausschließlich beim Thema Ernährung diskutiert, aber auch bei Nutzvieh und vielleicht irgendwann beim Mensch wird das Thema zwangsläufig eine Rolle spielen! Von daher finde ich es super, dass sich auch literarisch damit auseinander gesetzt wird…
    Übrigens wollt ich noch sagen, dass diese Ausgabe wirklich wunderschön ist, noch schöner als die von Diogenes, obwohl die auch hübsch ist!
    VG Jennifer

    Gefällt 1 Person

    1. Definitiv ein wichtiges Thema, auch für die Literatur! Und dennoch… Suter hat es einfach nicht geschafft, sie zu greifen und bis zum Ende zu vermitteln, denke ich. Ich bin gespannt, was du von ihm hältst, wenn du den Roman liest.

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