Olga – Bernhard Schlink

In schwingendem Rhythmus, mit einer vernehmbaren Leichtigkeit und unschuldig elegant erzählt Bernhard Schlink, den meisten wohl bekannt von seinem Millionen-Roman Der Vorleser, hier eine Liebesgeschichte, die, ganz strenggenommen, eigentlich genau das nicht ist. Geschickt verpackt in eine Art historischen Roman finden wir einen Konflikt zweier Menschen, die auf der Suche nach grundlegend unterschiedlichen Dingen voneinander wegdriften und dennoch in ihren Tiefen beieinanderbleiben.

Auf der Suche nach der Großen Weite macht sich Herbert auf, die Welt zu entdecken, und das seit er ein kleiner Junge ist. Er rennt durch die Welt, immer auf dem Weg von einem Punkt zum nächsten, bleibt er nur für Eine stehen: Olga. Sie ist das Mädchen von nebenan, mit ihrem slawischen Namen der eigenen Großmutter unsympathisch und alles andere als vertraut, und womöglich die Liebe seines Lebens. Doch sie passt nicht in sein Leben. Der kluge und fleißige Bücherwurm ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, und so kein Teil der adligen Elternwelt. Beide wachsen dennoch als Freunde auf, die die gemeinsame Kragenweite teilen. Gemeinsam werden sie erwachsen, bis es zu Entscheidungen kommen muss. Doch wer diese treffen kann, ob Herbert und Olga, die Eltern oder gar die kleine Schwester Viktoria, und ob sie überhaupt getroffen werden, das steht für die junge Frau lange in den Sternen.

Ohne viel vorwegnehmen zu wollen, sollte gesagt sein, wie liebevoll Schlink unsere Olga zeichnet, wie wunderbar weich ihre Linien verlaufen, und wie sie gleichzeitig die einzige strikte Basis des Romans bildet. Das Leben von Herbert und Olga ist gezeichnet von Sehnsucht, Wut, Fernweh, Einsamkeit, Glück und Verderben, und der Schreiberling schafft es vorzüglich, man kann es kaum anders sagen, den Charakter der Olga rein zu halten. Sie scheint durch und durch durchdacht und reflektiert, sympathisch und klug, doch niemals langweilig. Wir erfahren aus drei verschiedenen Perspektiven von ihr und ihrem Leben zu Zeiten zweier Weltkriege, Not und Hass, wobei sie stark zu bleiben und sich stets anzupassen weiß. Sie ist das Fundament, nicht nur der Geschichte selbst, sondern auch der anderen Figuren, die allem eine feine Würze verleihen.

Und allein das ist bereits zu kategorisiert, weswegen ich auch nicht zu viel verraten möchte. Denn die große Stärke des Romans ist es, etwas vollkommen Anderes zu sein, ohne den Atem zu rauben. Die Handlung ist nicht überwältigend groß oder prunkvoll, im Gegenteil ist sie schlicht, wie Olga selbst. Der Stil ist nicht unaufhörlich ausführlich und voller Kracher, sondern so authentisch, ich wiederhole mich, wie Olga selbst. Der Roman trägt seinen Namen zurecht und zeigt auch nichts als eben Olga selbst. Sie und ihr Leben, dargestellt in einer Mischung von historischem Roman, Liebesgeschichte, Memoiren, Brieferzählung und Familientragödie. Nicht einzuordnen, individuell und äußerst flink kommt die Aufmachung der Olga daher und verzaubert ihre Leser mit ihrem minimalistischen Selbst. Ein Triumphzug für sie, in vielerlei Hinsicht, und doch nie eitel.

Eben Olga.

Buchinformation:
Bernhard Schlink: Olga; Roman
Diogenes Verlag, 1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-257-07015-6

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