Der Name der Rose Teil I: Roman von 1980

Fast jeder kennt die Grundsätze Umberto Ecos Klassikers aus dem Jahre 1980: Eine Figur, dem berühmten Sherlock Holmes nicht unähnlich, genannt William von Baskerville (eingefleischte Holmes-Freunde werden die Anspielung seines Namens auf Anhieb erkannt haben) und sein Gehilfe Adson, der wiederum kaum als Watson bezeichnet werden kann, werden in ein Benediktinerkloster berufen, beauftragt zwei Dinge aus der Welt zu räumen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen findet in ebendiesem Kloster eine Versammlung statt, zu der die wichtigen Persönlichkeiten des Jahres 1327 geladen sind, unter anderem Williams Feind, der Inquisitor Bernard Gui und päpstliche Gesandte aus Avignon. Zum anderen geschehen in der Abtei Morde, die der Mönch aufzuklären gebeten wird. William, der vom guten Verstande geleitete Meister des Novizen Adson, setzt alles daran, diese beiden Ziele so schnell wie möglich zu erreichen, doch die Mönche der Abtei machen ihm sein Vorhaben nicht leichter. Der Abt scheint ihnen nicht im Geringsten entgegenkommen zu wollen, die Mönche verschweigen so viel sie können, und niemand weiß so recht, worauf all das eigentlich hinauslaufen soll.

Tatsächlich, eine seltsame Kulisse, die sich Eco erwählte für seinen bis dato erfolgreichsten Roman. Das düstere Mittelalter, in dem Geheimnisse geheim blieben, Hexen auf Scheiterhaufen verbrannt wurden und Mönche schlimmste Verbrechen begingen, in allem begleitet von einer Düsternis, die sich über alles legt, was erleuchtet sein sollte. Doch weshalb all das? Warum nicht einen Roman dort stattfinden lassen, wo wir uns alle zurechtfinden, weil es uns bekannt ist, sodass ein Millionenpublikum erreicht werden kann? Warum das ungeliebte Mittelalter? Auf dieses Unverständnis der Massen reagierte Eco folgendermaßen: „Die Gegenwart kenne ich nur aus dem Fernsehen, über das Mittelalter habe ich Kenntnis aus erster Hand.“ Ein sehr moderner Ansatz, an Literatur und Geschichte gleichermaßen heranzugehen, so meine ich.

Als Professor der Semiotik und Philosophie vollbringt er es, eine spannende Kriminalgeschichte zum einen in eine Zeit zu versetzen, die es ihm erlaubt, frei zu wandeln, wie es kaum ein Gegenwartsliterat zu tun vermag, nämlich nach vorne und zurück in Sekundenbruchteilen, und zum anderen diese Geschichte in diese Zeit zu verweben durch geistreiche philosophische Gespräche und Debatten über Hoffart, Unzucht, Sünde, Ketzertum, Lachen, Armut und Aristoteles. Verbunden mit dem spielerischen Wechsel der Tonarten, von ironisch bis todernst ist alles vertreten, vollbrachte Eco einen Coup, wie ihn zuvor noch niemand zu landen vermochte. Populärwissenschaftlich angehauchter Gesellschaftsroman der Postmoderne, voller Witz und Intelligenz.

Aber auch weg von allen möglichen Analysen des Romans, von Gesellschaftskritik von heute bis hin zum Theodizee, ist der Unterhaltungswert allerhand. Am Anfang etwas schwergängig zu lesen, da Eco aus gutem Grund eine grundverschiedene, seiner Zeit angemessenen Sprechart für seinen Erzähler Adson wählte, ist es dennoch sehr gut verständlich und weitreichend. Die philosophischen Debatten der Charaktere sind derart fesselnd und anregend, die Religion und das Leben so echt aufbereitete, dass dem Leser das Gefühl vermittelt wird, all das sei ein Teil der Geschichte gewesen, ein Faktum, schön erzählt und verpackt, doch nicht weniger real. Eine interessante Verschmelzung von Historie und Gegenwart, überraschend modern und wirklich in Teilen so witzig und wieder so ernst, wenn es sein muss. Ich ziehe den Hut vor Umberto Eco dafür, dass er es vermochte, das dunkle, viel verachtete Mittelalter auf unvergleichlich kokette Weise einem riesigen Publikum sowohl atmosphärisch als auch literarisch näher zu bringen.

Als Zusatz vielleicht noch ein Hinweis. Leser, die Dan Browns Romane verschlingen, werden an diesem hier wohl auch ihre hellste Freude haben. Bitte ausprobieren!

Als Teil II hierzu wird übrigens nächste Woche dann die Filmadaption in der Kritik stehen.

 

Buchinformationen:
Umberto Eco: Der Name der Rose; Roman
dtv, 9.Auflage 1987
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber
ISBN: 3-423-10551-8

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