4321 – Paul Auster

Im Voraus so vieles von diesem Roman zu hören, schraubt wohl bei so einigen künftigen Lesern die Erwartungen in unerreichbare Höhen. Und vielleicht sollte das ein Fehler sein, von Seiten der Marketing-Abteilung, von Seiten eines aufgestachelten Publikums, ein Fehler für die Rezeption eines Buches, dessen Erwartungen nicht zu erfüllen sind. Und doch sitzt man nach Ende des letzten Satzes da und weiß nicht, wo zu beginnen, wo weiterzumachen, wo den Strich zu ziehen, nach diesem Wirbelsturm an hinreißender Wortgewandtheit. Diese seitenlangen Sätze, diese vier in sich gleichenden Geschichten ein und desselben jungen Mannes, diese Geschicklichkeit, mit der von einer Welt in vier Perspektiven erzählt wird, ohne die individuellen Charakterzüge zu vernachlässigen oder gar zu untergraben, das alles ist wahrlich und wahrhaftig meisterhaft.

Wie die meisten der Leser schon wissen werden, handelt Paul Austers 4321 von Archibald Ferguson, erzählt in einer Art Gedankenexperiment von vier Versionen des gleichen Menschen, beginnend bei seiner Entstehung, endend irgendwann im scheinbaren Erwachsenendasein, während Archibald nicht immer der gleiche Archibald bleibt, sondern sich im Laufe seiner vier Leben zu unterschiedlichsten jungen Männern entwickelt. Sie alle haben die gleiche Mutter, den selben Vater und vor allem den gleichen Ausgangspunkt. Doch purer Zufall zweigt die Geschichten ab, verändert ihn zu Isaac Ferguson, Archie, einfach Ferguson und zu A. I. Ferguson. Die klingen alle ähnlich an, doch unterscheiden sich in wesentlichen Bereichen ihres Selbstverständnisses, sind in ihrem Kern alle gleich, doch in allem von dort aus kaum miteinander vereinbar.

Verbunden werden alle diese Archibalds durch ein schicksalhaftes Ereignis in frühester Kindheit, das die verschiedenen Leben, durch den puren Zufall bestimmt, in alle möglichen Himmelsrichtungen abdriften lässt. In diesem Gedankenexperiment scheinbar bloß verbunden durch die tiefe Liebe zur Literatur empfindet bald der eine den Drang, Schriftsteller zu werden, der andere will journalistisch schreiben, der nächste nur weg, wohin auch immer. Viel ist zum Inhalt nicht zu sagen, ohne Spannung vorwegzunehmen, doch einige Punkte, in denen sich die Archibalds unterscheiden sind scheinbar so weit hergeholt und doch so logisch in ihrer Einfachheit, dass es wahrlich schockiert, die vielleicht größte Stärke dieses Romans. Politik, Sexualität, Bestimmung, Freundschaft, Lebensort und Zukunft, alles unterworfen diesem Punkt in ferner Vergangenheit, der nichts mit dieser Zukunft am Hut hätte haben sollen, jedoch die Macht hat, alles einmal in seiner Gesamtheit vollkommen umzustülpen.

Das ist alles nicht einfach zu verarbeiten, geschweige denn leichte Lesekost. Die in der deutschen Übersetzung knapp 1200 Seiten umfassende Glanzleistung des Amerikaners scheint auf den ersten Blick wie eine Mammutaufgabe, doch der Wälzer lohnt sich. Diese Rezension in die richtigen Worte zu fassen, fällt mir fast so schwer, wie mit allen vier Archies abschließen und nach der letzten Seite das Buch zuklappen zu müssen. Und das eben nicht nur, weil Auster ein brillanter Schreiber und in der Lage ist, kleinste Details zu wichtigen Handlungssträngen auszuarbeiten, sondern auch, weil dieser Mann verdammt gut weiß, wovon er da schreibt. Hier vermischen sich Realität und Fitktion auf eine verwirrend schwammige Weise, Austers Leben vereint mit und doch unmissverständlich getrennt von den vier Archibald Fergusons zu einer einzigen Person mit einer Menge Fantasie. Auster schreibt hier seine Lebensgeschichte auf, greift historische Aspekte auf, die er selbst hautnah erlebt haben dürfte, beschreibt Gefühle, von denen man meint, dass niemand sie so genau und auf den Punkt beschreiben könnte, wenn er sie nicht selbst gefühlt hätte. Darin liegt vermutlich der ganze Zauber. Man sagt doch, dass ein Autor nur von dem schreiben kann, das er selbst kennt. Nun, genau das tut Auster hier, so meisterhaft fiktionalisiert, dass das Lesen seiner vollkommenen Sätze kaum ohne Schauder auszuhalten ist.

Und nicht nur das Umfeld der verschiedenen Archibalds ist so umfassend beschrieben, auch ihre Innenleben, so unterschiedlich sie auch sein mögen, verbinden sich zu einem komplexen Gemenge aus Schreibdrang und Selbsthass, das das Leben als Schriftsteller so akkurat auf den Punkt bringt, dass es auch der ein oder andere Nicht-Schreiber mitzufühlen vermag. Nie habe ich ein Buch gelesen, das so unerfunden vom Schreiben schreibt, eine Geschichte mit so vielen genau richtigen Sätzen, manchmal nur einzelne Worte, die etwas zum Leuchten bringen und den Absatz zu einer vollkommenen Entität machen. Das Schreiben vom Leben als gequälter Künstler, als abgewiesener Liebhaber, als faszinierter Student und junger Revolutionär, viele Leben voller Kontroversen, voller Übereinstimmungen und Gegensätzlichkeiten, das macht diese Ansammlung gelungener Seiten zu einem neuen Klassiker amerikanischer Literatur.

Dieser Roman mit viel Humor, noch mehr Intelligenz, Zeitgeist, Historie, Persönlichkeiten, Verständnis, Liebe zum Detail und zu Überlänge neigenden Sätzen, die dem Lesefluss noch mehr Leben schenken, ein Roman mit all diesen Dingen, die einen tief treffen, die kleinen und großen Dinge, dieser Roman ist es so wert, gelesen zu werden. Auster erzählt gekonnt von vier gleichen Menschen, die immer ein bisschen von dem Zauber erhalten, den Auster für jede seiner Figuren bereithält, neben seiner Wortgewandtheit womöglich seine größte Begabung. Gekonnt, anfassend, dramatisch, simpel, liebevoll. Im Einklang mit seinen Protagonisten begibt sich Auster auf ein außergewöhnliches Abenteuer, das ihm mehr als gelungen ist.

Da bleibt nicht viel mehr als ein anhaltender Applaus für unsere Künstler des Jahres: Archie und Auster.

 

Buchinformation:
Paul Auster: 4321; Roman
Rowohlt, 4. Auflage 2017
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann, Nikolaus Stingl
ISBN: 978-3-498.00097-4
Link zu Paul Auster bei Rowohlt

Advertisements

7 Gedanken zu “4321 – Paul Auster

  1. Wow, deine Beschreibung macht richtig neugierig. Ich hatte Auster auch schon mal in der Hand, aber eigentlich lese ich nicht gerne so dicke Wälzer, da bei mir meist die Konzentration stark nachlässt.
    Aber vielleicht mache ich dafür mal eine Ausnahme. Kann man denn Auster auch gut nebenher lesen oder braucht man dafür eher viel Ruhe, um nicht durch die unterschiedlichen Handlungsstränge verwirrt zu werden?
    VG Jennifer

    Gefällt mir

    1. Ich muss sagen, am Anfang war ich anständig verwirrt und wusste nicht, wie alles zusammenhängt. Also würde ich raten, am Anfang die Zeit zu nehmen, die ersten vier Kapitel alleine auf dich wirken zu lassen, danach habe ich auch Bücher parallel gelesen. Sich aber die Ruhe dafür zu nehmen lohnt sich auf jeden Fall. Je nachdem, wie schnell du liest, ist der Auster auch schnell weg, schneller als ich es bei mir erwartet hätte auf jeden Fall. Schlussendlich ist es also abhängig von dir, wie viel Zeit du dir nehmen willst, beim Parallellesen dauert es sicher ein wenig länger, aber die Lesequalität geht nicht verloren, und das Verständnis auch nicht. Alles in deinen Händen! 😊

      Gefällt 1 Person

      1. Hihi, gut gesagt 🙂
        Na, ich schreibe in den nächsten beiden Wochen meine zwei Hausarbeiten weg und dann schaue ich mal, worauf ich Lust zu lesen habe 😉 Da gehört dann vielleicht der Auster dazu 😀
        VG und danke für die fixe Antwort 🙂
        Jennifer

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s