Amt für Mutmaßungen – Jenny Offill

Eine Frau. Ein Mann. Eine Geschichte.

Sehr simpel und pur erzählt Jenny Offill die Geschichte der Liebe, wie sie beginnen und enden kann. Es geht um sie, die eigentlich Kunstegomanin werden wollte, sich dann aber verliebte und ein Leben mit einem Mann aufbaute, der sie sich besonders fühlen ließ. Mit den wunderbarsten Worten beginnt alles, steigert sich zum Höhepunkt und zerfällt, ganz langsam, fast liebevoll.

Wie besonders Offill hier schreibt, kann ich kaum in Worte fassen. Puristisch und ehrlich, das trifft es am ehesten, kann es aber nicht einheitlich beschreiben. Sie spricht von Wärme und Geborgenheit sehr gekonnt und kreativ, dieses Kribbeln, wenn man weiß, das ist es. Sie trifft die wichtigen Punkte, hält alles strikt voneinander getrennt und schreibt gleichzeitig warmherzig und kaltblütig. Der Tod ist bei ihr auf gleichem Rang wie die Geburt, beides bleibt ein großes Ereignis, das Einschnitte in das Leben bedeuten, in mehr Punkten unterscheidet sie nicht. Sie belebt ihre Figuren mit so viel Realität und Wunschträumen, dass es kaum möglich scheint, dass nicht jeder sich eins mit ihnen fühlt.

Jenny Offill, die mir vorher nicht einmal ein Begriff war, hat sich mit ihren knapp hundertfünfzig Seiten in mein Gedächtnis geschrieben. Die Schmerzen, die sie beschreibt, das Leid, das so nahe bei der Freude liegt, die uns in die Luft springen lässt, voller Enthusiasmus und Lebensfreude, all diese Gefühle verschmelzen mit den Worten und werden über die Seiten an den Leser weitergegeben. Immer wieder erinnert mich die Lektüre an die eines Tagebuches, nicht aufgrund seiner Form, sondern seiner Intimität. Die Frau, namenlos, ist jeder und individuell. Sie schreibt ihr Leben nieder, offen für alle, doch bestimmt für niemanden, als eine einzige Person.

Mit so vielen Stilmitteln, so vielen Metaphern, Bildern und Szenarien, spielt
Offill mit Fantasie und Realität und vermittelt so einfach das Leben einer Familie, die durch Krisen zueinanderstehen und einander auffangen, auch wenn sie selbst geschubst haben. Gedanken werden gedacht, die kaum große Auswirkungen zu haben scheinen, doch in mir etwas zum Klingen gebracht haben.

Sie denkt bevor sie handelt. Oder eher, sie denkt, statt zu handeln. Ein Charakterfehler, keine Tugend.

Doch nicht nur die Worte und der unglaublich gute Stil zeigen, wie gut Offill kann, was sie tut, auch die herzzerreißende Geschichte, ein Leben auf so wenige Seiten komprimiert, fesselt und begeistert. Sie kann außergewöhnlich gut Inhalte in Bilder fassen und einrahmen, mit so viel Eleganz, dass das Schlechte noch schlechter, das Beste noch besser erscheinen kann, wenn man sich auf sie einlässt. Sie lebt von Sinn, den sie ohne Worte zu vermitteln sucht, den sie, ohne sich bemühen zu müssen, in unseren Köpfen erscheinen lässt. Sie verpflanzt Informationen und Gefühle, die wir miteinander in Einklang zu bringen haben und versetzt uns so noch stärker in ihre Geschichte, bringt uns dazu, diese Frau, von der erzählt wird, zu spüren, all ihre Ängste, Wut, Trauer, Liebe du Vertrautheit. All dieses Gefühlschaos, in uns wie auf den Seiten. Das ist Jenny Offills Begabung.

 

Buchinformation
Jenny Offill: Amt für Mutmaßungen; Roman
Aus dem Englischen von Melanie Walz
Penguin Verlag, 1. Aufl. 2017
ISBN: 978-3-328-10082-9

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