Mit Staunen und Zittern (Amélie Nothomb)

Wer weiß schon, ob es an mir liegt, aber Amélie Nothomb und ihre Romane lassen mich immer mit einem Fragezeichen auf der Stirn zurück. Es ist ihr Stil und auch ihre Art der Geschichten, die gleichzeitig so viel und so wenig aussagen. Sie ist mir ein Fremdwort, ich weiß, was da steht, kenne die Buchstaben, bin aber nicht mit dem Subjekt vertraut.

Nachdem ich einen anderen Roman von ihr voriges Jahr gelesen habe, Den Vater töten, wusste, dass ich weiter lesen musste, um sie wirklich lesen zu können. Dieses Buch ist biographisch, oder zumindest biographisch angehaucht. Nicht einmal weiß ich, ob das, was da geschrieben ist, tatsächlich so geschehen kann. Der Inhalt ist mehr Kommentar, als Geschehen, die japanische Kultur, über die Männer zu den Frauen, und ihre hierarchischen Eigenheiten werden minutiös erfasst und mit halben Lachen, halbem Weinen wiedergegeben. Für mich war das unwahrscheinlich interessant, da Nothomb es ja wissen muss, das, worüber ich noch nie nachgedacht habe. Japan und seine Leute sind hier liebevoll karikiert, all ihre guten und schlechten Eigenschaften beeinflussen das Leben der jungen Amélie, die zu Beginn in einem großen japanischen Unternehmen ihre Arbeit aufnimmt. Sie wird eingestellt und soll sofort konformiert werden. Anders zu denken, als der Vorgesetzter, überhaupt zu denken, ohne die Kenntnisnahme des Vorgesetzten, ist fragwürdig und in vielen Fällen gesellschaftlicher Ruin. So auch für Amélie. Sie will hart arbeiten und soll kopieren. Sie will recherchieren und ist zuständig für das Verschieben des roten Kalenderquadrates auf das aktuelle Datum. Sie ist unnütz beschäftigt, so würde ich es nennen, und sie sucht nach Möglichkeiten, nicht mehr entbehrlich zu sein. Doch was auch immer sie tut, es ist falsch; Im Prinzip sollte sie es gar nicht erst in Erwägung ziehen, irgendetwas sinnvolles zu tun. Nach einiger mühselig vertriebener Zeit, in der sie immer wieder Dinge ohne Erlaubnis ihrer Vorgesetzten unternimmt, beginnen diese, ihr das Leben erst richtig schwer zu machen. Sie erleidet den japanischen Nullpunkt, sie verliert allen Anstand und Respekt, doch behält bis zuletzt ihre Ehre, wenn auch wohl nicht ihre Würde.

Dieser Inhalt ist recht abstrakt, soll heißen, zu simpel, um alleine vollwertig zu sein. Nothomb spielt hier mit den Begriffen der Ehre, des Gewissens, der Hierarchie und der Ordnung. Sie lässt sich nichts zuordnen, keine Bedeutungen und keine Interpretationen. Sie schreibt so rein, dass wohl jedermann etwas Anderes lesen kann. So zum Beispiel lese ich darin die existentialistischen Idealvorstellungen eines sich gegen das Leben revoltierenden Menschen. Ich sehe Samuel Beckett, der mir sagt, dass ich akzeptieren soll, ohne hineinzuinterpretieren. Ich sehe einen Gottvergleich, Himmel und Hölle, Erdenreich und unendliches Licht. Und ich sehe Nothomb, die ich mir aus irgendeinem Grunde vorstelle, wie ein junges Mädchen, das diesen Roman schreibt und immer wieder in der Gegend herumschaut und sich überlegt, was sie noch sieht, in den Menschen um sie herum. Vielleicht saß sie in einem Café mitten in Tokyo, als sie eine Passage über das Frauenbild schrieb, und beobachtete die erfolgreichen Frauen und die verheirateten Frauen und dachte sich ihren Teil.

Ich sehe viel Potenzial in Nothomb, aber ich kann nicht mit ihr fühlen, vielleicht ist das mein Problem. An manchen Stellen habe ich das Gefühl, sie würde einfach schreiben, wonach ihr gerade der Sinn steht. Das spricht in persönlichen Fragen nur für sie, das macht sie sympathisch, aber in diesem Roman spielt es auch gegen sie. Ich erlebe sie hier als Chaotin, die viel erlebt hat (vorausgesetzt, dass es keine Parodie auf sie selbst ist), und ihre Erlebnisse zusammenschustert, und während dem Schreibprozess immer wieder gesellschaftliche Gedanken realisiert. Das macht es sehr schwer, bei ihr zu bleiben.

Etwas Besonderes bleibt sie aber allemal.

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