Ellbogen – Fatma Aydemir

Ihre Worte sind voller Wut, ohne bestimmte Richtung oder genauen Ausdruck. In jeder Bemerkung, Bezeichnung oder auch nur Randerscheinung kann man spüren, wie sehr sie die Welt für alles verantwortlich macht, während sie selbst zu Täterin wird. Das ist Hazal. Sie ist Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund, wie es die Leute bei den deutschen Behörden ausdrücken würden. Sie ist nicht ganz Türkin, nicht ganz Deutsche, hat ein Identifikationsproblem, könnten Psychologen es ausdrücken. Sie drückt sich anders aus. Sie definiert sich selbst, tut sich aber unfassbar schwer damit, zu lernen, wer das ist, diese Hazal.

Ein Mädchen, das nicht nach Anerkennung strebt, sondern nach Wahrnehmung. Sie fühlt sich gefangen in einem Körper, der nicht als solcher bemerkt wird, sondern als Nationalität. Das lernt sie von ihren Eltern, Geschwistern, Großeltern, Freunden, Bekannten, Begegnungen. Sie ist die Ausländerin, die nichts kann. So wirkt es auf sie, so wirkt es auf den Leser, so tut es weh. Und so, unfähig sich in dieses Fremdbild zu fügen, macht Hazal sich bemerkbar. Sie kommt ins Blickfeld der Nachrichten, der Polizei, ins Blickfeld ganz Berlins, wenn nicht ganz Deutschlands. Sie tötet. Absichtlich? Das weiß nicht einmal sie selbst. Doch die Öffentlichkeit ist sich einig. Die Ausländerin hat Aggressionsprobleme, die sie an Unschuldigen auslässt, weil sie es nicht besser weiß. Oder vielleicht eher: Weil sie es nicht besser kann.

Ellbogen ist das Portrait eines jungen Mädchens, das sich gefangen fühlt in einer ihr aufgedrückten Identität. Fatma Aydemir schafft es auf bravouröse Weise, ein Mädchen zu schaffen, das gleichzeitig so schuldig und so unschuldig ist an dem, was in ihrem Leben falsch läuft. Es fällt so leicht, aus ihr den Sündenbock zu machen, das Urteil zu fällen, dass es ihre Pflicht gewesen wäre, sich aus diesem Gefängnis der Leute, der Hölle der Anderen, zu befreien und nach ihrer Freiheit zu streben. Das zumindest hat mir der Teil meines Hirnes gesagt, der sich mit dem Existentialismus auseinandergesetzt hat. Der andere Teil, der ständig an unser deterministisches Universum erinnert, sah alles kommen. Sie musste all das tun, was sie tut, das sei ihre Bestimmung und der unabänderlich begrenzte Radius ihrer Rebellion, erinnert mich die Stimmte immer wieder. Und das machte mich wütend.

Es ist so einfach, zu verstehen, wie sie sich fühlt. Und doch ist es so schwer, nachzuvollziehen. Macht das Sinn? Ich meine, dass Hazal alle Möglichkeiten in den Wind schießt, um zu der zu werden, die die anderen in ihr sehen. Die wütende, unterdrückte Ausländerin. An sich ist das verständlich. Doch es ist so schwer für mich, dass sie so wütend ist auf die Deutschen. Klar, auch das ist einfach. Sie machen sie zu dem was sie nicht sein will, zu einer Anderen, zur Nicht-Deutschen, vielleicht sogar zum Problem. Doch ich sehe nur ihre unmittelbare Umgebung und werde wütend. Es erscheint mir so, als wäre nicht das von außen errichtete Gefängnis der Auslöser, es scheint, als seien ihre Mitinsassen die Gründe ihrer Wut. Ohne die Mutter, die sich alles gefallen lässt, ohne den Vater, der nicht spricht, ohne den Bruder, der fürs Nichtsnutzigsein verwöhnt wird, ohne die Freunde mit den gleichen Familiensträngen, ohne all das; Was wäre geschehen?

Ist diese Geschichte am Ende nur ein weiteres Familiendrama, das bloß auf einem neuen Szenario aufbaut? Ist es nicht mehr, als all die Kurzgeschichten, die sich mit Kommunikationsproblemen auseinandersetzen? Ist das alles?

Nein. Es ist so viel mehr als das. Es ist die tragische Geschichte eines Mädchens, das beschließt, ihr bröckelndes, dahindümpelndes Leben, selbst zugrunde zu richten. Sie wird zu ihrer eigenen Richterin und gibt sich lebenslänglich. Es ist eine wütende Geschichte aus dem Wedding, die vielleicht gegen Rassismus kämpft, vielleicht auch nur daran erinnern will, dass Menschen Menschen bleiben, woher sie auch kommen. Alles hat seine Gründe, scheint mir Fatma Aydemir ins Ohr zu flüstern, und die offensichtlichste Antwort ist niemals die richtige, geschweige denn die einzige.

Ich habe ihre Worte verschlungen, weil sie einzigartig sind, weil ich noch nie so sehr das Leben gespürt habe, das mir da geschildert wird. Die Autorin zeichnet keine großen Landschaften, im Gegenteil, sie skizziert messerscharf, was das innere Auge braucht, um zu verstehen, wie es läuft. Und es läuft mies. All die angestaute Wut, der Daseinszustand dieser Geschichte, über die ich nicht hinwegkommen kann, die mich traurig macht und nachdenklich und selbst wütend und wieder traurig, die schockiert mich. Und sie ist so real, so wahrnehmbar, so ehrlich. Die Menschen sind hier die Hauptattraktion in der Manege, keine Umgebung prägt sich so ein, wie die Gedanken von Hazal, wenn sie über Schuld, Richtig oder Falsch und Gott nachdenkt.

Aber wer von Gott spricht, der spricht auch vom Tod, das ist doch klar. Warum sollte jemand beten, wenn nicht aus Angst vor dem Sterben? Denken Menschen, die bei lebendigem Leib in ihren Kellern verbrennen, noch daran, zu beten? Und beten die, die sie verbrennen, dann zum selben Gott?

Sie regt keinen Theodizee an, natürlich nicht, sie ist ein Teenie. Doch sie denkt eben auch wie ein Mensch, denkt an Mädchen, die flirten, weil sie sich selbst lieben, und an die Liebe, die sie glaubt, nicht zu verdienen. Sie ist brutal, weil sie wütend ist und ist wütend, weil die Welt brutal ist.

Ein Teufelskreis für ein schuldigerweise unschuldiges Mädchen.

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