Bis ans Ende der Geschichte (Jodie Picoult)

Ich bin verzaubert von Picoult, von ihrer Gabe, eine Geschichte so zu erzählen, dass sie die Seiten selbst verlässt und an mir und meinen Gedanken hängen bleibt. Lange liest sich dieser wunderbare Roman wie ein ganz normales Buch, ein leichtes Liebesdrama, denkt man, leicht unterbrochen und ein wenig gestört von den sonderbaren Zwischengeschichten, die in anderer Schriftart in eigenen Kapiteln dargeboten werden. Anfangs sehr schwer zu verstehen und vom Stil wirklich brüchiger, als ich es jemals von ein und dem selben Autor gesehen habe, fügt sich Ania mit ihrem Aleksander schnell in die Hauptgeschichte mit Sage ein. Wieso, weshalb, warum scheinen am Ende keine Fragen mehr zu sein, denn alles ergibt Sinn und muss so sein, wie es nun einmal ist.

Denn alles ist geschehen. Schrecklich grausames, und auch schönes. Der Tod ist in Picoults kleinem Meisterwerk allgegenwärtig und bald auch schon alltäglich. Als ich die ersten paar Seiten las, war ich begeistert von der Leichtigkeit des Stils und des dezent durchscheinenden Schalks in ihrer Stimme. Doch das kann sie nicht halb so gut, wie ich finde, wie das wirklich Zeichnende so ausdrucksstark zu zeigen, dass es einen in den Alltag begleitet. Ich selbst war gefesselt von Minkas Erzählungen, die für mich ein ganz neues Licht auf unsere Geschichte und unseren Umgang mit ihr werfen. Ich hab von ihr geträumt und mit ihr gelitten, auch noch Tage nach der letzten Seite.

Doch halt stopp. Zu viel auf einmal für jemanden, der nicht vertraut ist mit meiner Minka, nicht wahr? Eigentlich geht es um Sage, die nach dem Verkehrstod ihrer Mutter eine Trauergruppe besucht und dort Josef kennenlernt, ein alter Mann mit einem schwerwiegenden Geheimnis. Schon früh offenbart er sich Sage und bürdet ihr damit eine große Verantwortung auf: Er verlangt von ihr, ihm zu vergeben, ein Ungeheuer zu sein. Jahrelang versteckte er seine wahre Identität und will nun endlich sterben, doch ohne Sage sieht er sich dazu nicht in der Lage. Sage wirft sein Geheimnis völlig aus der Bahn und sie sucht Rat bei jemandem, der sich mit dem Tod auskennt: Ihrer Großmutter Minka, eine Auschwitz-Überlebende.

In mannigfachen Details und wirklich schrecklich ehrlichen Bildern durchlebt man noch einmal diese furchtbaren Jahre der Verfolgung und des Leides. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe gelitten, doch gleichzeitig war ich so dankbar. Eine Hauptfrage des Romans ist die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weis. Gibt es bloße Abstufungen von Grau in dieser Welt? Ist Mord gleich Mord und Heldentum gleich Heldentum? Ich danke Minka dafür, mir die Augen für die eine, und Josef dafür, mir die andere Seite gezeigt zu haben. Denn nein, es gibt kein Schwarz und Weiß.

In der Geschichte geht es nicht um Daten und Orte und Kriege. Es geht um die Menschen, die die Räume dazwischen füllen.

Richtig, denn was ist unsere Welt, wenn es nicht um Erbarmungslosigkeit oder Barmherzigkeit geht? Sind wir Menschen noch menschlich, auch wenn die Welt es nicht mehr ist? Wo ist der Gott, von dem alle sprechen, und für wie viel von allem ist er selbst verantwortlich? Gleichzeitig gibt uns Picoult Perspektiven und Auswege aus der Trauer, bildet uns über das Sterben und wie man die Welt verlassen kann, was das aus dem Ende der Geschichte macht. Was sie noch kann? Menschen erkennen, in ihrer vollen Ernsthaftigkeit. Denn Menschen sind nicht all das, was man von ihnen erwartet, sie sind so vieles mehr, und so vieles weniger. Es kommt auf die Perspektive an, auf die Wahl des gottverdammten Blickwinkels, der ein ganzes Verbrechen an der Menschheit harmlos erscheinen lassen oder als der Raub an der eigenen Identität gesehen werden kann.

Ich bin wieder einmal beeindruckt davon, was ein Mensch mit seinen Worten bewegen kann, wen man bewegt und mit welcher Intention. Ich habe gelacht, geweint, gefiebert und nicht alles glauben können, was schien wie ein morbider Albtraum, und doch in der Verantwortung einer ganzen Nation stand. Es ist keine schlechte Nacherzählung, es scheint wie ein Zeitzeugengespräch der heutigen Zeit, sehr ehrlich, ungezwungen und mit Verweis zu uns und unserem Leben. Dieses Buch verfolgt und prägt und ist alles andere als das leichte Liebesdrama, das es scheint zu sein.

Aber was ist schon so, wie es scheint?

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2 Gedanken zu “Bis ans Ende der Geschichte (Jodie Picoult)

  1. Hey! Eine tolle Rezension! Ich habe von Jodi Picoult bisher nur „Zerbrechlich“ gelesen und fand den Roman so traurig, dass ich bisher nicht gewagt habe mir nochmal ein anderes Buch von ihr zuzulegen. „Bis ans Ende der Geschichte“ hört sich aber sehr vielversprechend an und ich werde es jetzt mal auf meine Wunschliste setzen.
    Liebe Grüße
    Svenja

    Gefällt mir

    1. Hallöchen! Danke für die Blumen 😊 Und ich kann dir versprechen, „Bis ans Ende der Geschichte“ ist stellenweise auch superwitzig, dann aber auch so gefühlvoll… Ich gerate wieder ins Schwärmen. Also, große Empfehlung, ich freue mich, dass ich dich wieder an sie heranwagen lasse!

      Gefällt 1 Person

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