Gottes Werk und Teufels Beitrag (John Irving)

So viele Themen, aus denen ich die undankbare Aufgabe habe, eines zu wählen, das ich nun als das Hauptthema dieses Klassikers behandeln werde. Abtreibung, Liebe, Hoffnung, Warten, Rettung, Waisen, Medizin, Zukunft, Tod, Sterben, Leben, Auferstehen, Pornographie und Äpfel, überall Äpfel. Und Dickens und Brontë spielen eine vielleicht noch größere Rolle als diese Äpfel. Ein konfuses Durcheinander, das aber, wie immer bei einem echten Irving, in chronologischer Reihenfolge betrachtet, gar nicht anders sein könnte. Alles hat seinen festen Platz, alles sein Fug und Recht und gehört dazu, zum Leben. Es ist ein Portrait des real abstrus-konfusen Lebens, vielleicht nennen wir es vorerst so.

Ich will zunächst einmal allgemein bleiben und behaupte, dass es sich um „Gottes Werk“ dreht, um das Leben und/oder das Sterben. Homer Wells ist der Protagonist dieser Geschichte und wird in jungen Jahren zum Problem des Waisenhauses in Saint Cloud’s, denn er ist eine Waise ohne Familienaussicht. Er wird älter und älter und insgesamt drei Familien versuchen es mit ihm. In keiner einzigen von ihnen wird er glücklich oder erhält erst gar nicht die Chance dazu. Also beginnt er, das Waisenhaus selbst, zusammen mit dem Gynäkologen Dr. Larch und den beiden liebevollen Schwestern Angela und Edna, als seinen Platz in der Welt und seiner Zukunft zu betrachten. Larch, Angela und Edna sind schlussendlich davon überzeugt, dass Homer nun für immer zu Saint Cloud’s gehören wird und tragen Homer auf, sich im Waisenhaus nützlich zu machen. Er wird mehr und mehr ein Teil der unechten Familie aus Waisen und außerdem der persönliche Assistent des schwer äthersüchtigen Dr. Larch. Als Kind lernt er, was es wirklich heißt, nützlich zu sein, und dass Saint Cloud’s kein gewöhnliches Waisenhaus ist, und erst recht nicht heilig, wie es sein Name vorgaukelt. Homer wächst in einer Umgebung auf, in der unerwünschte Schwangerschaften beendet und unerwünschte Kinder zurückgelassen werden, und sehr bald entwickelt sich dieser Umstand zu seinem Alltag. Bis eines Tages ein Paar von Ocean’s View, einem Obstgarten bei Heart’s Rock, nach Saint Cloud’s kommt, das sein Leben nicht nur zu verändern vermag, sondern seine gesamte Realitätswahrnehmung herausfordern wird.

Die Abtreibung und seine Gesetze spielen natürlich eine zentrale Rolle in Irvings im Jahre 1999 eindrucksvoll verfilmten (und 2000 mit einem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichneten) Werk. Viele neue und gut durchdachte und recherchierte Fakten strömen auf den Leser ein, viele Meinungen werden charakterisiert und natürlich jede einzelne widerlegt. Nach Irvings Art lässt das Buch selbst jegliche Haltung zu dem Thema zu, doch Irving selbst scheint hierbei einen ganz eigenen Standpunkt klarmachen zu wollen. Beinahe politisch vertritt er die Handlungs- und Entscheidungsfreiheit jeder Frau und lässt, wieder einmal, seinem Hang zum Feminismus freien Lauf, so auch in der Figur der Melony, die einen feigen Homer Wells erst dazu bringen muss, sich zur reinen Logik zu bekehren und somit seine eigene Gefühlswelt bis auf weiteres außen vor zu lassen. Sie bringt das Thema Heldentum auf, und zeigt zugleich eindrucksvoll, dass eine starke Maske einen weichen Kern verbergen kann.

Dazu kommt die große Suche nach dem einen Platz im Leben, zu dem wir wahrhaftig gehören. Das kann ein Ort sein, wie ein Haus oder das Meer, oder eben Menschen, wie das Paar Wally und Candy, die mit ihrem Cadillac den jungen Homer in ein neues Leben bringen können. Dr. Larch soll dazu nur sagen „Wir haben den Jungen an die Welt verloren.“, und ebenso geschieht es. Homer findet neue Erfüllung und neue Maßstäbe des Sich-Nützlich-Machens, neue Freunde und neue Gefühle. Er wird schlichtweg erwachsen, macht Fehler und entwickelt sich zu jemandem, dessen Leben er als ehrenwert erachtet. Doch als Wally schließlich in den Krieg zieht, verändert sich seine Lebenssituation und Candy und er müssen sich einiger Dinge bewusst werden, mit denen sie ihr Leben lang kaum in Berührung kamen. Irving spricht hier die Komplikationen eines Krieges an, der nicht der eines Landes blieb, sondern sich zu dem eines Volkes entwickelte. Er behandelt das komplexe Thema Liebe und den Verlust, der mit ihr einhergehen kann, auf so viele mögliche Arten. Wieder kommen Tabuthemen auf den Leser zu, die ich hier nicht nennen kann, ohne einen großen Teil der Handlung vorwegzunehmen, welche aber andere bereits Belesene wohl als besonders zu behandelnd bezeichnen würden. Einfacher gesagt, die Herangehensweise Irvings ist in diesem Fall sehr zärtlich und liebevoll gehalten, Elternschaft und wie sie zustande kommt, die Beziehung von Vater, Mutter und Sohn zueinander, die sich auf vielfältigste Weise in diesem Roman präsentiert.

  1. Kurzum, mal wieder ist Irving ein großartiger und heute als Kult betrachteter Roman gelungen, indem er so viele tabuisierte und alltägliche Themen in einen Topf warf und eine Art wahres Leben in der Absurdität erschuf. Seine unumstößliche Logik kam mir in diesem Buch besonders hervorragend zusammengestellt vor, für Irving-Neulinge durchaus ein empfehlenswerter Einstieg in die Welt eines Meisters über das Leben von wehrlosen Charakteren, denen Dinge zu geschehen vermögen, die wir nicht erwarten und uns doch auf eine Ebene heben, die uns mal wieder etwas weiter über unseren Porzellanteller-Rand hinausschauen lässt. Schön zusammenfassend ist ein Zitat Charlotte Brontës aus dem Jahre 1847, das dem Roman vorangestellt ist:

Festhalten am Herkömmlichen ist nicht sittliches Verhalten.
Selbstgerechtigkeit ist nicht Frömmigkeit.
Erstere schmähen heißt nicht letztere anfechten.

 

 

(John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Diogenes Verlag AG, Zürich, 1988, Neuausgabe 2000)

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