Mascha Kaléko

Sie ist eine Frau der direkten Sprache, eine Dichterin des Volkes im Stile Tucholskys oder Kästners, die einzige weibliche Dichterin der Neuen Sachlichkeit und für mich ein unglaublich großes Vorbild angesichts ihrer Gefühle, die sie wie kaum eine andere Schriftstellerin in so perfekt gewählte Worte zu fassen weiß. Sie kennt die Liebe und den Trennungsschmerz, Leid und Heimatlosigkeit, Glück, Pech und Trauer. Sie lebt in Nazideutschland und entflieht ihren Wurzeln, ist damals gezwungen, ihre Schreiberei aufzugeben, doch sie gibt nicht auf. Sie bleibt eine starke Persönlichkeit und weiß, ihre Geschichte zu erzählen. In gekonnt melancholisch-ehrlichem Tonfall sind besonders ihre Gedichte weltweit bekannt und rezitiert. Und viele kennen nicht mehr von ihr, als ihre Kraft in all den Strophen, die etwas in den Herzen der Leute berühren kann. Vielleicht ist das die einzige Art, auf die eine Dichterin der Menschen wirken sollte, ohne zu viel Informationen, ohne zu große Erwartungen, nur die Worte, die ganze Nationen bewegt haben. Deswegen, weil auch ich sie so kennenlernen durfte und weil das Format Autorenwelten ja gerade dafür gedacht ist, meine Leser mit Autoren bekannt zu machen, sind hier zwei meiner Lieblingsgedichte von ihr, aus dem Gedichtband „In meinen Träumen läutet es Sturm“, erschienen im dtv Verlag. Einfach zum Wirken-Lassen.

BLATT IM WIND

Lass mich das Pochen deines Herzens spüren,
Dass ich nicht höre, wie das meine schlägt.
Tu vor mir auf all die geheimen Türen
Da sich ein Riegel vor die meinen legt.

Ich kann es, Liebster, nicht im Wort bekennen,
Und meine Tränen bleiben ungeweint,
Die Macht, die uns von Anbeginn vereint,
Wird uns am letzten aller Tage trennen.

All meinen Schmerz ertränke ich in Küssen.
All mein Geheimnis trag ich wie ein Kind.
Ich bin ein Blatt, zu früh vom Baum gerissen.

Ob alle Liebenden so einsam sind?

 

DER EREMIT

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen ein Haus.

Das möchte ich gerne so stehen lassen.
Die wortesammlerin.

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