John Irving

Für mich ein unvergleichlicher Mann mit viel Ideenreichtum, mit großem Willen, Tabus zu brechen und in den Salon zu bringen, ohne sie einzubürgern, mit unfassbarem Wortschatz, mit Liebe zu jedem einzelnen Detail, mit viel Geschick, nicht zu viel zu sagen, um abzuschrecken; mit einer riesenhaften Portion Selbstvertrauen, seinen Namen unter seine Arbeiten zu setzen.

Vielleicht war diese Introduktion zu viel nicht greifbare Information für jemanden, der sich nicht auskennt mit einem Irving, der vielleicht gerade mal den neuen Bestseller „Straße der Wunder“ (2016 erschienen) in irgendeinem Regal in irgendeinem Buchladen hat stehen sehen und sich wunderte, weshalb dieser Irving es ohne groß bereitetes Cover so weit bringen konnte. Ich nahm einen Irving zum ersten Mal in die Hände, als ich Urlaubslektüre für den Sommer letzten Jahres zusammenklaubte und fragend auf die Buchbeschreibung von „In einer Person“ blickte. Ich las den ersten Satz und war sofort gefangen von seiner Unverdrossenheit, mit Sätzen um sich zu werfen, deren Wirkung er sich so genau bewusst zu sein schien, dass es mir eine kribbelnde Gänsehaut versetzte. Wer das Buch nicht kennt [zum Roman habe ich eine meiner ersten Rezensionen geschrieben], ich kann nur empfehlen, es nicht bloß zu lesen, weil es gut geschrieben ist, zweifellos, sondern auch um der Bildung willen, die in diesem Stück Literatur unumgänglich ist.

Und hiermit kommen wir schon zu seiner ersten, sehr offensichtlichen Stärke: Irving weiß, was er schreibt. Er kennt viele, viele Fakten zu seinem Thema, seinem Tabuthema, zu dem, was er in die Welt hinausposaunen muss. Man sollte es geradezu sein Markenzeichen nennen, in seinen Romanen zwischenmenschliche Konfliktsituationen zu behandeln, die wiederum zu größeren Dramen führen und immer (immer!) ein gesellschaftlich unter den Tisch gekehrtes Thema zum Anstoß hat. Dabei bleibt er niemals nur provokativ, er schafft es, mit seinen Charakteren unterschiedliche Sichtweisen zu verkörpern und beleuchtet sein Thema auf eigentlich jede erdenkliche Weise, immer mit den passenden Informationen ausgestattet. Dazu gibt es ein, wie ich finde, sehr passendes Zitat des Autoren: „Ich sehe jeden verdammten Tag Dinge in meiner Fantasie, die schrecklicher sind als der 11. September.“ Und wenn man das im Hinterkopf behält und seine Worte liest, fällt einem langsam auf, dass all das, was im Buch an der richtigen Stelle zu sitzen scheint, jede makabere Bemerkung, jede skurrile Charakterisierung und jeder packend seltsame Satz den Leser mit einer anderen Tabuisierung konfrontiert und eine Reaktion verlangt. Mit ihm habe ich mehr über Homosexualität, und ebenso über Homophobie, gelernt, als ich jemals in einem Ratgeber oder im Internet in Erfahrung bringen könnte. Von ihm kenne ich verschiedenste Fakten und daraus resultierende Ansichten zum Thema Abtreibung. Mit seinen Charakteren kann man lernen, zu träumen; und wie es sich anfühlt, an seinen Träumen zu scheitern. Durch ihn weiß ich mehr vom Geschäft der Prostitution als ich jemals wissen wollte. Und warum ist das etwas Gutes? Weil es unseren Horizont erweitert und uns einmal einer Welt voller Ketten und Gefängnisstäbe entfliehen und uns ungestört nachdenken lässt. Denn die entstehenden Gedanken, die seine Tabuthemenbrüche auslösen können, sind nicht immer politisch korrekt und sind sicherlich nicht immer richtig, so wie wir uns das so schön ausmalen. Dennoch gebietet das biologische Gesetz, dass es nun einmal erst Gedanken sind, die wir frei sein sollten, zu denken. Erst so können wir im Anschluss uns selbst widersprechen, mit den neuen Informationen, mit neuen Erkenntnissen, die er uns bietet.

Noch dazu bietet er sie uns nicht per se auf dem silbernen Tablette zur Probe an, wie ein Kostüm, das wir uns kurz überstülpen dürfen und mit dem folgenden Satz auch schon wieder ausgezogen haben. Die Art seiner ausgereiften Charaktere lässt uns weiter über sie und ihre kleine Welt hinaus nachdenken. Und so viel kann ich mit Fug und Recht behaupten: Irving ist ein Meister der Charakterisierung. Jeder einzelne Auftritt jeder einzelnen Figur hat einen Sinn im Gesamtwerk, sei er auch auf bloße drei Sätze beschränkt. Denn jede seiner Rollen verkörpert einen Menschen, der gleichzeitig so weit weg von uns selbst ist, dass er stilvoll satirisch funktioniert, und so nah an einem Menschentypen, der so nachvollziehbar ist, dass man sich mitunter fühlt, als würde eine neue Freundschaft entstehen. So können sich seine Leser weder unberührt, noch angegriffen fühlen, und mit diesen fast neutral beurteilten Massen Charakter kann er zwei Seiten machen, die sich gegenüberstehen, wie eben bspw. die Homosexualität und die Homophobie. Auf diese Weise erreicht er wiederum, mit seinem meisterlichen Stilmittel Mensch, einen Austausch an Auffassungen und bricht durch einen fremden Mund ein langanhaltendes Schweigen. Ein Konzept, das für ihn offensichtlich mehr als ausreichend funktionieren kann, denn Irving hat es vollbracht, in seinen neueren Werken immer wieder eine neue Figur zu erfinden, niemals wiederholen sich die Typen seiner Welt, niemals ist die gleiche Geschichte zweimal erzählt, niemals in zwei Romanen nur ein Tabu gebrochen.

Nun werden mir einige, die seinen Wikipedia-Artikel gelesen haben, widersprechen. Ständig wiederholen sich seine Motive, ständig findet der Leser gleiches Material, gleiche Umgebungen, Namen, Tiere, Symbole, Romane, Autoren oder Beziehungsgrundzüge, eine Problematik, nennen wir sie einmal so, die viele Kritiker immer wieder an ihm zu bemängeln wissen. [Im Falle der Romane, die alle Nase lang in seinen Romanen erwähnt und als Motive und Bilder verwendet werden, kann ich auch unbedingte Leseempfehlung aussprechen! Wie gesagt, Irving weiß, was er schreibt (und hat Literatur studiert).] Es ist richtig, Irving schöpft immer mal wieder aus dem gleichen Topf und verbindet viel Fiktives mit offensichtlich Biographischem. Ich muss aber dennoch laut widersprechen. Das ist eine Art und Weise eine Verbindung und Beziehung herzustellen, eine Welt zu schaffen, in der all das Absurde, das in seinen Büchern gefangen ist, nicht unbedingt auch in ihnen bleibt, es wirkt wie eine Art zusammenhängende Fantasie-Welt der Skurrilitäten, ein Gruselkabinett mit viel Realität. Zum Beispiel sein immer wieder auftauchender Schauplatz New Hampshire. Er verwischt die Trennungslinie zwischen seinen Einzelwerken ganz bewusst und macht aus tausend Welten eine einzige, verrückte Wahrheit. Wie Murakami einwenden könnte, es gibt nun keine einzige, korrekte Realität mehr. Ein weiteres, weitgreifendes Stilmittel, das er quasi erfindet: Das Leben als Grundbasis für die herrschende Absurdität.

Eine offenkundige Schwäche, die mich immer wieder abschrecken kann, ist die Länge seiner Werke, die annähernd vergleichbar ist mit denen seines Vorbildes Charles Dickens. Weit über sechshundert, mitunter bis zu 1000 Seiten pro Roman beanspruchen den durchschnittlichen Otto-Normal-Leser doch über die allgemein anerkannten Maße. Natürlich, es ist eine beachtliche Leistung, über eine solch „lange Strecke“ die Kohärenz zu bewahren, doch davon ausgehend, dass seine Zielgruppe sich hiermit, rein verkaufstechnisch betrachtet, auf die Lesefanatiker beschränken könnte, setzt er sich und seine Schreiberei einem relativ großen Risiko aus. Solche Romanlängen sind eher im Bereich Fantasy, insbesondere denen mit vollkommen neu erschaffenen Welten, zu finden und dementsprechend off the track, oder eben off the average Irving. Dennoch sollte sich jeder, insbesondere mir selbst, sich in dieser Situation die Frage stellen: Will ich kurz unterhalten werden oder will ich lesen? Bei ersterem ist wohl die Wahl eines Irvings die falsche, bei letzterem kann man kaum enttäuscht werden.

Irving erbaut sich seine Fangemeinde auf der Basis von Vertrautem, Meisterlichen und Provokantem. Niemals liest man einen nichtssagenden Schundroman, immer wieder findet sich ein neues Tabu, das es zu brechen gilt. Wie ich sagte, mit seiner Liebe zu jedem einzelnen Detail, mit seinem unberechenbaren Geschick, genug zu sagen, um seine ungeheure Wirkung zu erzielen, mit seiner riesenhaften Portion Selbstvertrauen hat er mein Herz erobert und ist für mich einer der bedeutendsten Autoren unserer Zeit.

 

Bin ich da die Einzige?

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