Den Vater töten (Amélie Nothomb)

Ebenso wie mein erster Murakami hat mich dieser Roman der französischen Wunderautorin, die es regelmäßig mit ihren Romanen auf die Bestsellerlisten schafft, mehr als positiv überrascht. Ich hatte von ihrem erst kürzlich erschienenen Roman Champagner trinken durchweg positives gehört, und da hat mich dieser hier mit einer gewaltigen Anziehungskraft beim ersten Anblick sofort zum Kauf überredet. Innerhalb von zwei Tagen war das kurze Stück Literatur verschlungen.

Nothomb hat etwas einzigartig verwirrend-strukturiert Klares an sich. Sie schreibt sehr eindeutig, was sie schreiben soll, ohne auf komplizierte Metaphern auszuweichen, die die Handlung zu sehr ausschmücken. Sie schreibt nicht einmal besonders realistisch, wenn man es so negativ ausdrücken möchte. Die Erfolgsautorin verlangt von der Welt verrückt zu werden oder so zu wirken. Spontan erinnerte sie mich an einen Paolo Coelho, wenn dieser auch mit mehr Vergleichen daherkommt, mit mehr Prunk und Kommata.

Der Protagonist Joe wird anfangs von seiner Mutter auf die Straße gesetzt und er muss von nun an sein Leben mit der Zauberkunst finanzieren, die er bereits jahrelang trainiert und perfektioniert seit er ein kleiner Junge ist. Von nun an lebt er in einem Hotel und tritt in Bars auf. Ein Mann schickt ihn angesichts seines großen Talentes zu einem Großmeister der Magie, Norman, der ihn rasch wie einen eigenen Sohn bei sich aufnimmt. Er lehrt ihn die große Kunst und begleitet ihn, wie er erwachsen wird, sieht sich mehr und mehr als Elternteil, ebenso wie seine Frau Christina, für die Joe bald ungeplante Gefühle entwickelt. Die Frage bleibt, was für wen in diesem Szenario auf dem Spiel steht, buchstäblich.

Der Roman ist zwar kurz und doch steckt in ihm etwas Großes, dass ich bis jetzt noch nicht richtig begreifen kann. Er bringt es auf, wenig zum Leuchten zu bringen, doch der Überraschungseffekt ist immer auf seiner Seite. Mir fällt es tatsächlich sehr schwer, viel über seine Bedeutung preis zu geben, denn auf eine eigenartige Weise kommt mir die Geschichte und seine Auswirkungen ebenso vor: Privat. Sie löst etwas im Leser aus, ohne von großen Lösungen zu sprechen oder brüstige Kritik vorzubringen, mit hallendem Nachklang. Die Gedanken, die in dieses Buch investiert werden, gehen zahlenmäßig weit über die Anzahl der verlesenen Minuten hinaus. Ich muss unbedingt noch einen weiteren Nothomb lesen, um zu verstehen, was diese Frau noch alles in einem Fremden bewirken kann.

 

(Amélie Nothomb: Den Vater töten. Diogenes Verlag, Zürich, 2012)

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