Die Pilgerahre des farblosen Herrn Tazaki (Haruki Murakami)

In jedem Buch lernen wir etwas über seinen Schreiberling, jedes Wort gehört zu ihm und gibt dem Leser die Möglichkeit, in die Gedanken eines Fremden einzutauchen. In jedem Buch steckt etwas Fremdes, das zu etwas Vertrautem wird und in jedem Buch steckt ein guter Freund, jemand, den man verstehen lernen kann oder zu ergründen versucht bis hin zur letzten Seite. In diesem Fall kommt mir diese einzigartige Verbindung  noch einige Male intensiver vor, Haruki Murakami schafft es, mich in seinen Kopf sehen zu lassen und mir gleichzeitig nur das zu zeigen, was er für sehenswert hält.

Haruki Murakami. Japaner, geboren im Januar 1949, verheiratet, keine Kinder. Eckdaten, die mich während des Lesens nicht im Mindesten interessierten, denn man las so viel mehr in und zwischen den Zeilen dieses Mannes, als es möglich ist, all dieses Wissen in einen Reisepass zu zwängen. Viel Persönliches und Privates, das an die Öffentlichkeit kommt, die es wagt, genau hinzusehen. Ich zum Beispiel konnte lesen,  dass er oft wütend wird, weil er nicht die richtigen Worte findet, obwohl ich spüre, dass das Fehlen von Worten oft mehr sagt als viel Gerede um die Substanz, während ich weiß, dass er diesen Gedanken mehr als verinnerlicht hat. Ich las, dass er nicht akzeptieren kann, dass alles, was passiert, Bedeutung hat, und dass er weiß, dass es das doch zu manchen Zeiten tut. Ich las von seiner Faszination vom Tod, seinen existentialistischen Grundzügen, von seinem Verlangen nach mehr Wissen über das Sterben und die Bedeutung dahinter. Ich las seine literarische Vergangenheit, erkannte Irving, Kafka, Fitzgerald und King in seiner Sprache. Ich las, wie das Schreiben ihn begleitet und dass er es tut, um sich selbst besser zu verstehen. Ich las und las und las und merkte, dass es mir gefiel, dass es eine Geschichte hinter der Geschichte gibt, die er mir nicht vorenthalten will.

Dieser Roman, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, hat mir wieder einmal diese Macht der geschriebenen Worte verdeutlicht. Wenn ich in solchen Dingen auch vorbelastet bin und grundsätzlich jedes Buch als Kunst betrachte, auch wenn es mir persönlich wenig zusagt, kann ich sagen, dass Murakami mit diesem Werk neue Maßstäbe setzte. Er ist in der Lage, von einem Leben zu berichten, das in all seinen Facetten irreal und real zugleich wirken kann. Noch dazu scheint er das ganze Buch hindurch den Leser nicht bloß auf die Folter zu spannen, sondern noch dazu falsche Fährten auszulegen, als wäre das alles ein großer Witz für ihn. Das klingt jetzt vielleicht etwas negativ, das ist allerdings in keinem Fall beabsichtigt. Es vermittelt mir das große Selbstvertrauen des Autors, genau das zu schreiben, was er für richtig hält, ohne sich selbst oder die Realität in den Vordergrund zu rücken. Murakami macht das, um Anekdoten einen Sinn zu verleihen, die im großen Kontext nichts auszusagen haben, im Kleinen jedoch einem Gedanken Sprache verleihen, der sonst verborgen geblieben wäre, was ich beeindruckend finde.

Genug geschwärmt, vielleicht sollte ich auch etwas zum eigentlich Roman sagen (wenn auch klar ist, dass er der Roman ist und die Grundstimmung vermittelt, aber ich bin ja schon still). Die Hauptfigur ist Herr Tsukuru Tazaki, ein Mann, der sich selbst für belanglos, langweilig, uninteressant und ja, farblos hält. Er fühlt sich neben den vier Freunden seiner Jugend charakterlos und ausgegrenzt, unter anderem, weil in allen ihren Namen eine Farbe vorkommt, bloß in seinem nicht. Im Gegensatz zu ihnen ist er pragmatisch angelegt (sein Vorname ist das japanische Verb für „machen“), liebt Bahnhöfe und will lernen, sie zu bauen. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, geht er von zu Hause und seinen Freunden weg nach Tokio an die Universität. Doch nicht lange danach stoßen die vier ihn aus ihrer Gruppe aus, ohne ihm einen Grund zu nennen, und er muss dem Tod in die Augen sehen. Jahre später trifft er eine Frau, die sein Leben vollkommen auf den Kopf stellen wird.

Der Roman ist alle Preise dieser Welt wert, ich bin verliebt und will sofort den nächsten Murakami lesen. Nicht nur wegen der mitreißenden Geschichte, sondern auch wegen ihrem Anfang, ihrer Mitte und ihrem Ende, alles Komponenten, die sich perfekt zu ergänzen wissen und den Leser gleichzeitig lieben und hassen lehren. Die Worte sind mitfühlend und gleichzeitig wehmütig neutral, die Charaktere ausgeformt und eine glatte Fläche, vollkommen ausgearbeitet. Ich kann wirklich keine Fehler in der Konzeption entdecken, was ich erschreckend finde. Es ist ein beinahe perfektes Buch, handgearbeitetes Material mit viel Persönlichkeit, ohne zu hohe Ansprüche zu erheben, simpel, nicht zu einfach zwar, aber minimalistisch großartig.

Alle diejenigen, die das Buch bereits gelesen haben, werden mich verstehen, wenn ich erzähle, dass ich das Buch an seinem Ende voller Liebe angeschrien habe. Und das ist nicht übertrieben, ich habe tatsächlich geschrien.

 

(Haruki Murakami; Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. DuMont Buchverlag, Köln, 2014)

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2 Gedanken zu “Die Pilgerahre des farblosen Herrn Tazaki (Haruki Murakami)

  1. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Buch in der Buchhandlung meines Vertrauens schon in der Hand gehabt habe, nur, um es dann doch wieder wegzulegen. Das liegt einzig und allein darin begründet, dass ich vor einigen Jahren einmal den ersten Teil von Murakamis „1Q84“ gelesen habe – und ich bis heute einfach immer noch nicht weiß, was ich davon halten soll! 😉

    Nach dieser – nebenbei bemerkt, großartig geschriebenen – Rezension, denke ich, dass er vielleicht doch nochmal eine Chance verdient hat…

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