Veronika beschließt zu sterben (Paulo Coelho)

Veronika soll verrückt sein, ebenso alle Leute um sie herum, die Leute im Irrenhaus. Die Irren sind irre, denkt die Welt, doch stimmt das?

In dieser zutiefst berührenden Geschichte beschließt Veronika ganz ungerührt, dass sie sterben will. Sie wählt die unbemerkte Art, das Gift, die Mordwaffe der Frauen. Von einem Gebäude zu springen wäre ihr durch und durch zuwider, ihre Eltern müssten sie in diesem Fall als ein Haufen zersplitterter Knochen als sie selbst identifizieren, das will sie ihnen nicht antun. Ein Schuss wäre auffällig und die entstandenen Spuren nicht leicht in ihrem Klosterzimmer zu entfernen, eine Last, die den Schwestern nicht gut tun würde, und eine Tat, die zu viel aussagen würde. Das wäre nicht Veronika. Veronika will sterben, nicht dramatisch die Bühne mit einem überlauten Knall verlassen. Also ist die logischste (und einfachste) Art das überdosierte Schlafmittel.

So oder so ähnlich erzählt Coelho mit ehrlichsten Worten und treffenden Phrasen Veronikas Geschichte, wie sie dazu verdammt ist, weiterzuleben, wie Doktor Igor sie heilen will, wie das Irrenhaus Villete mit seinen Geistern und Gästen ihre Sicht auf die Welt langsam verändern. Die Irren erscheinen immer weniger verrückt, dementsprechend die Welt immer konfuser. Ich las dieses Buch und erwartete nichts großartiges, nichts Veränderndes in seiner Aussage, ja, noch nicht einmal eine Aussage. Doch Paulo Coelho schaffte es wieder einmal, nach seinem Erlebnisbericht „Mein Jakobsweg“, das ich im Sommer letzten Jahres las, jede Erwartungen hinter sich zu lassen und seine Leser auf diese Geschichte aufmerksam zu machen, statt sie mit seinen bisherigen Erfolgen zu blenden. Veronika steht für sich selbst, ebenso die nichtverrückte Mari, die Heilung sucht und nicht finden will, wie Zedka, die geheilt ist und wieder mit Irren zu tun haben wird, die sie für verrückt erklären werden. Veronika wird sich selbst entdecken, nicht neu entdecken, sondern erstmalig wahrhaftig wahrnehmen, und sie wird die Freiheit finden, die sie in die Logik des Selbstmordes trieb.

Tatsächlich fällt es mir schwer, über dieses Buch zu schreiben. Es fiel mir sogar schwer, Zitate herauszufiltern, die das Buch zutrefflich beschreiben, die ihm gerecht werden. Und wissen Sie warum? Weil dieses Buch ein Meisterwerk ist, es kommt so dicht an die Perfektion heran, dass ich es nicht wahrhaben möchte. Es mag sein, dass ich geblendet bin von der Wahrheit, die beschrieben wird, doch dass sie so wunderschön niedergeschrieben und nicht verharmlost dargestellt ist, berührt mich. Die Logik, in der wir tagtäglich handeln, wird in Frage gestellt, ebenso unser Leben im typisch Allgemeinen. Wie irre sind wir wirklich? Wie irre bin ich?

Und wie irre ist ein Mädchen, das sich das Leben nehmen will und erst so das Leben lieben lernt?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Veronika beschließt zu sterben (Paulo Coelho)

  1. Sehr schön, zu wissen, dass es Menschen gibt, die dieses Buch so gerne mögen, wie ich das tue!

    Auch mir fiel es schwer, im Rahmen meiner Rezension darüber zu schreiben. Aber ich konnte mich wenigstens für ein Zitat entscheiden, das dem Buch meiner Meinung nach gerecht wird. 😉

    „Ich bin sehr müde, doch ich will nicht schlafen, ich habe noch viel zu tun. Dinge, die ich immer aufgeschoben habe, weil ich dachte, das Leben würde ewig währen. Dinge, an denen ich das Interesse verlor, als ich zu glauben begann, es lohne sich nicht, zu leben.“

    Ein wirklich wundervolles Buch!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s