Das Hotel New Hampshire (John Irving)

Es handelt von Träumen, erfüllt wie unerfüllt, von Hoffnungen, Kummer und Liebe jeglicher Art, von Leidenschaft, Moral und Radikalen. Irvings Worte sind wie immer treffend und detailverliebt bis in die letzten Ecken, vielleicht sogar zu detailliert, zu verträumt, zu märchenhaft.

Das Hotel New Hampshire ist Win Berrys großer Traum, der ihn und seine Familie einiges kosten, er das als unnachgiebiger Träumer aber niemals erkennen wird. Erzählt wird die Geschichte von John, seinem Sohn, der gemeinsam mit seiner einzigartigen Familie eine Welt entdeckt, in der Kummer immer oben auf schwimmt, ebenso wie Unheil und Liebe. John Berry lernt zu leben und zu lieben, wird langsam erwachsen und erkennt zu früh den Ernst des Lebens (buchstäblich). Bären bevölkern sein Leben von Anfang bis Ende, Hotels bleiben sein Zuhause und große Geschichten und Gedichte immer in seinem Augenwinkel.

Es ist mir selbst unbegreiflich, wie John Irving sich immer wieder in mein Herz hineinerzählt, obwohl seine Geschichten ganz und gar unbegreiflich und unrealistisch sind. Der Leser weiß, wie unwahrscheinlich eine solche Konstellation ist, und verteufelt vielleicht den Schreiberling, der sich traute, mit diesen Anmaßungen in irgendeinem Bücherregal zu stehen. Dennoch; Dieses Buch, gefüllt von Fragen, ob das denn nun wirklich so geschehen kann, beseitigt während der Lektüre gar selbst die Fragezeichen aus den Hirnen. Irving erlaubt es sich, Absurditäten mit der Realität zu vereinen, wieder einmal (siehe: In einer Person), ohne es wie eine große Schwierigkeit aussehen zu lassen. Seine wiederkehrenden Motive und unglaubliche Liebe zu jedem kleinsten Detail werden niemals langweilig und halten jeden Skeptiker in seinem Bann. Die wahre Größe seines Stils liegt eben hier: Sucht man nur genau und mit dem Willen, zu verstehen, dann muss erkannt werden, dass jeder Buchstabe an seinem Platz ist, jede dazwischen gequetschte Geschichte seinen Zweck hat und jeder Charakter einen ganz bestimmten Sinn erfüllt. Es geht nicht darum, ein packendes Buch vorzuweisen, voll von Action und Drama, dem Herzen dieses Romans liegt eine Lebensgeschichte zugrunde, in der keine Kleinigkeit unwichtig wird, betrachtet man das große Bild. Alles fügt sich, wie es kommt, es ist, mit seinen Worten, ein vollkommenes Märchen.

Der Mann in der weißen Smokingjacke, Freud, auch der andere Freud, feministische und schlaue Bären, kleine Menschen mit großen Visionen, Hanteln, das erste, zweite und dritte Hotel New Hampshire, offene Fenster, der Mäusekönig, der Große Gatsby und sein famoses Ende, Wien, Nutten und Radikale, Bomben und Schlagobers. All diese genannten scheinbar zusammenhangslosen Motive spielen gemeinsam in der Taktik Irvings eine kennzeichnende Rolle: Das Leben so darzustellen, wie es die Realität nicht zulässt, so viele zusammenspielende Leben, die schließlich ein ganzes Märchen ergeben. Die Details sind vollkommen, seine Charaktere rund, die Geschichte unfassbar. Er zeigt nicht bloß eine Seite der Münze, er zeigt uns den Prozess der Münzherstellung und schenkt uns den Einblick in intime Gedankenwelten, auf die jeder Autor ruhigen Gewissens neidisch sein kann.

Besonders gefallen haben mir persönlich natürlich zu viele Dinge, um sie alle aufzuzählen, doch der eine Satz sticht klar heraus: „Bleib weg von offenen Fenstern“. Simpel, doch allumfassend, ein Satz, der ein ganzes Leben zusammenfassen kann, weiß man ob seiner schieren Macht. Ein Autor schafft es, seinen Charakteren mit nur einem Satz ein Leben zu erklären, er bringt es sogar fertig, den Leser endlos festhalten zu wollen, die Figuren in ein Spektrum von Handlungen zu bringen, die sich niemand erträumen kann, nicht einmal unser Win Berry. Dabei geht er nicht gerade liebevoll mit ihnen um, Irving vermag es, gnadenlos und doch vollkommen ehrlich mit ihnen und uns zu sein, eben keine Märchen zu erzählen, sondern von Träumen zu berichten, die ebendies immer hätten bleiben sollen: Träume.

Die eine Frage, die mir im Kopf zurückblieb war dann schlussendlich keine Verständnisfrage, ich habe nie am Sinn der Handlung gezweifelt, doch blieb mir das Unverständnis fürs Träumen. Sind wir hier, um unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen? Sind wir am Leben, um Träume Träume bleiben zu lassen, damit dem Leben nichts geschieht und alles beim guten Alten bleibt? Irving erweckt Gedanken, gekonnt schriftstellerisch versteckt hinter seinen absurden Charakteren. Seine Kunst kann sich getrost Gedankenübertragung nennen, wobei wohl jeder Leser seine persönliche Note einzubringen in der Lage ist und sein sollte. Seine Vielseitigkeit ist beeindruckend simpler Natur und will gar nicht großartig erscheinen. Sein Stil ist einfach, aber immer geschickt, an den meisten Stellen wunderbar obszön, doch bleibt immer menschlich.

Vielleicht so wie das Leben.

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