Der Natürliche Narzisst

Ich habe Hunger. Ich bin müde. Ich bin einfach schlecht drauf. Ich habe keine Lust mehr. Ich mag das nicht. Ich liebe das. Ich habe letztens tatsächlich Lotto gespielt, und verloren.

Die obigen Sätze habe alle eines gemein: Sie sind Ich-Botschaften. Aber ich glaube, das ist allen Lesern bewusst, sehr unauffällig gestrickt waren sie nicht mit dem ersten Fall am Anfang. Der erste Fall Singular, der sich für nichts als sich selbst an erster Stelle interessiert. Einige werden mich jetzt vielleicht für maßlos übertreibend halten. Andere interessieren sich überhaupt nicht dafür und lesen gar nicht mehr weiter, denn es hat ja per se nichts mit ihnen zu tun.

Doch. Diese Ich-Botschaften sind überall und verpesten unsere gemeinsame Luft mit ihrer Überflüssigkeit. Das mag hart klingen und auf eine gewisse Art und Weise auch heuchlerisch, jeder Sartre-Leser wird mich bereits verdammt haben, aber ich mag ehrlich sein: Wir sind doch alle wahrhafte Egoisten. Alle. Wir selbst sind interessant und die Welt begreift es noch nicht. Man muss es in die Welt hinausschreien und Bedeutung erlangen, denn wer könnte schon sein ganzes Leben damit verbringen, sich ausschließlich für andere zu interessieren? Wer ist schon solch ein heuchlerischer Gutmensch, der sich nicht um sich selbst schert?

Ein Experiment: Versuchen Sie einmal, sich einen ganzen Tag lang über nichts zu beschweren. Ich spoilere Sie an dieser Stelle nur ungern, aber es wird Ihnen vermutlich nicht gelingen. Denn so viele verschiedene Arten der beschwerderischen Ich-Botschaften schleichen sich in unseren alltäglichen und unbewussten Sprachterminus, dass es uns nur sehr schwer auffallen kann, dass wir uns gerade über das liegengebliebene Blatt Papier im Park geärgert haben. Das kann man sich vorstellen wie sprachliches Mitläufertum, also ‚Ich beschwere mich, also bin ich Teil von mindestens einem anderen Kopf, der genau das gleiche dachte‘. Manche Beschwerden sind ritualisiert, wie „Ich bin so müde“ oder „Ich habe keine Lust mehr“, manche werden nicht ausgesprochen und bleiben im Kopf hängen. Machen Sie dieses kleine Experiment und Sie werden bemerken, wie intuitiv wir die Welt ein kleines bisschen schlimmer finden, als sie tatsächlich ist.

So viele Gespräche beginnen mit einem Ich. Keine Frage, keine interessierte Beobachtung, nein, meistens beginnen wir damit, unserem Gegenüber eine Ich-Information an den Kopf zu schmeißen und abzuwarten, ob ersiees ebenso empfindet wie wir. Warum muss das dann so oft etwas negativ Belastetes sein? Können wir nicht einmal alle tief durchatmen und uns mit etwas glücklich Verbindendem auseinandersetzen?

Ich bin der Typ Mensch, der es sich angewöhnt hat, auf die meisten unnützen Gesprächsanfänge ganz einfach nicht mehr einzugehen. Natürlich bin ich dabei so höflich wie möglich, es nichts persönliches, keine Charakterschwäche meines Gesprächspartners, keine boshafte oder schikanierende Absicht meinerseits, es ist mehr erzieherisch gedacht. Das mag durchaus arrogant und blasiert klingen, aber Sie alle haben doch schon mindestens einmal in ihrem Leben den Satz gehört: Behandele deine Mitmenschen, wie du von ihnen behandelt werden möchtest. Ein Kindergartenprinzip, doch ich lebe es jeden Tag so gut ich kann. Ich schummele nicht, ich halte mich an Regeln, wenn sie für mich Sinn machen. Ich versuche also auch nur Gespräche zu beginnen, die ich auch mit jemand anderem führen wollen würde.

Die meisten Menschen gehen statistisch gesehen eher auf ein Aufregerthema ein, schauen Sie sich allein in den aktuellen Medien um. Welcher Artikel hat mehr Klicks, der mit den fünf Ausrufezeichen oder der mit sachlicher Überschrift? Man solle immer mitlästern, das ist ein soziales Prinzip, das zusammenschweißt und, ich gebe es zu, natürlich mache ich mit. Bei Themen, die ich als wichtig einstufe. Aber doch nicht über vertrocknende Topfpflanzen! Die taugen vielleicht als Anekdote, aber doch nicht als halbstündige Gesprächsdebatte.

Immer und immer wieder negativ auf seine eigenen Umstände zu reagieren, ob diese kleine Problemchen oder große Problematiken  seien, ist der bequemste Weg, den man einschlagen kann. Sich beschweren ist so einfach, dass wir es tatsächlich unbewusst tun. Ansonsten unbewusst atmen wir, unser Herz schlägt, unsere Organe arbeiten, so also auch unser Gehirn, das unsere Gewohnheiten einstuft und uns das Leben erleichtern will. Aus diesem Muster auszubrechen kann schwerer sein, als man sich das vorstellt, denn Gewohnheiten abzulegen ist eigentlich nicht vom Gehirn vorgesehen. Aber es lohnt sich, eine Problemlösung einer Problemverherrlichung vorzuziehen.

Könnten wir nicht alle Beschwerden, die wir aussprechen, lieber versuchen zu lösen, statt sie Tag für Tag zu wiederholen? Du bist müde? Schlaf mehr! Du hast Hunger? Iss verdammt nochmal etwas! (Und nein, Obst ist keine ganze Mahlzeit, es ist ein Snack und es ist normal, danach noch immer hungrig zu sein!) Du hast Kopfschmerzen? Trink etwas oder nimm eine Tablette! Du willst beides nicht machen? Dann schweig, wenn man dir nicht helfen soll! Du hattest heute Morgen einen Streit mit deiner Katze? Geh heute Nachmittag zu ihr und entschuldige dich, wenn es deine Schuld war und du sie nicht gefüttert hast! Ich kenne deine Problematik nicht, aber wenn du sie kennst, dann löse sie, ich kann das nicht für dich übernehmen oder es dir durch ein nutzloses Gespräch einfacher machen. Recht einfaches Prinzip, denke ich.

Ich wünsche mir heute, dass der einfache Mensch, der natürliche Narzisst, sich einmal wirklich auf sich selbst konzentriert und beherrscht, was er der Welt für Kommentare dalässt. Denken Sie an Facebook. Denken Sie an Spam. Sie wollen kein Spam sein. Wir wollen süße Katzenbabyfotos sehen.

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Ein Gedanke zu “Der Natürliche Narzisst

  1. Liebe Wortesammlerin, ich hoffe doch, du bist noch fleißig am bloggen? Um dich zum Schreiben deiner wundervollen Texte zu animieren, habe ich dich für den Liebster-Awardnominiert. Ich würde mich freuen, wenn du die Nominierung annimmst.

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