Nichtstun

Manchmal ist nichts zu tun ein Zeichen dafür, etwas ganz bestimmtes zu unterlassen. Manchmal ist nichts tun mehr als etwas bewegen, manchmal bedeutet es zuhören, verstehen, manchmal bedeutet es innehalten und nachdenken, manchmal bedeutet es nichts. Denn nichts tun ist ein Recht des Menschen, das nicht existiert und unheimlich viel Sinn macht, denn es tut nichts.

Ich glaube nicht, dass Nichtstun etwas Schlechtes ist. Ich gehe so weit, dass Nichtstun in gewissen Situationen das Einzige ist, das als das Richtige bezeichnet werden kann. Nicht in allen, das ist mir bewusst. Und wissen Sie, wie die meisten Leute auf eine solche Aussage reagieren? Sie erzählen davon, dass sie niemals nichts tun könnten, dann würden sie sich schlecht fühlen und sie hätten ja ach so viele Hummeln im Hintern und ein schlechtes Gewissen, wenn sie den ganzen Tag auf der faulen Haut lägen und es wäre ja alles verschwendete Lebenszeit.

Es ist der reine Zeitvertreib des Nichtstuns, der mich fasziniert und mir das Unterlassen jedweden sinnvollen Aktes sinnvoll erscheinen lässt. Es ist die Pause, in der ich mir über das klar werden kann, was mich betrifft, inwiefern es mich betrifft und wie ich selbst, nur ich allein, darüber urteile. Es ist die gewisse Pause von meinem Leben, die es mir ermöglicht, mein Leben mehr zu wertschätzen, wenn man es so formulieren kann.

Und raten Sie mal, was ich tue, wenn ich nichts tue. Ich höre Hörbücher, ich koche den ganzen Tag, wenn ich will, ich schaue mir Serien an, ich putze, ich lese. Ich tue so viele kleine Dinge, dass mir nicht einmal alle einfallen. Ich genieße diese kleinen Dinge und sie sind es vielleicht, die das Leben so lebenswert machen. Und nein, ich sage damit nicht, dass ich lieber einsiedlerisch in einem kleinen Raum ohne Menschen und nur mit meinem Computer allein leben will. Ich will damit sagen, dass ich gerne Unbedeutsames tue, um zu wissen, was bedeutsam ist.

Den ganzen Tag bin ich gedrillt, zu schaffen, zu lernen, zu sehen, zu verstehen, zu machen, schneller, schneller, zu wenig! Ich will nicht nur ein Spieler auf dem Schachbrett sein, der von seinen Mitmenschen hin und her geschoben wird. Ich bin hier auf der Welt, weil ich ich bin, ein Produkt des Zufalls einer menschlichen Entstehung, vielleicht macht alles keinen Sinn und vielleicht gibt es keinen und ja, vielleicht bin ich allein verantwortlich dafür, ein guter Mensch zu sein und ein gutes Leben zu führen, um eine gute Welt zu schaffen.

Aber ich will nicht immer nur gut sein. Es gibt Tage, da bin ich indifferent. Es ist mir nicht egal, was mir erzählt wird, ich will nur in diesem Moment nicht darüber nachdenken. Ob es jetzt ein philosophisches Gespräch ist oder die Frage, was ich essen möchte, das ist mir dann gleichgültig. Ich entscheide nicht, ich richte nicht. Das ist kein permanenter Zustand, aber es ist wichtig für mich, nicht mein ganzes Leben lang perfekt sein zu müssen, wozu Entscheidungen auffordern, es muss schließlich die richtige sein. Überall und jedermann erwartet von einem Individuum für seine Rechte einzustehen und immer und zu jeder Zeit sich selbst und das eigene Dasein rechtfertigen zu können, gerade wenn man den Gegenüber für einen verstandgebrauchenden Menschen hält, für jemandem mit starker Meinung. Wahrscheinlich bin ich das den Großteil der Zeit und ich bin es gerne, weil es Sinn macht, sich selbst begründen zu können und nicht nur auf die Frage „Warum?“ bloß das blöd-berühmte „Darum!“ zu antworten.

Warum also will ich es nicht und meine Persönlichkeit aufgeben für die Gleichgültigkeit? (Ich könnte jetzt einen Witz machen und schreiben Darum!, aber das unterlasse ich wohlüberlegt.) Ich tue es, weil es anstrengend ist, ich zu sein und das beinahe immer. Viele kennen das, vor allen Dingen introvertierte Menschen, die soziale Interaktion als energieraubend empfinden. Ich will gleichgültig sein, weil ich immer eine Meinung habe und nicht alle sie verstehen. Weil nicht alle verstehen wollen, dass unterschiedliche Meinungen nichts Schlechtes sind, weil in unserer Zeit der Absolutheitsanspruch in unseren Köpfen verankert ist, wie nie zuvor. Er ist geradezu aggressiv und greift nach ausbleibendem Widerspruch zu nicht-argumentativen Mitteln. Ein Beispiel? Ich finde die Farbe Orange meistens nichts besonders schön. Man könnte sagen, ich finde sie meistens hässlich. Wenn ich das erwähne geht jemand auf die Barrikaden und behauptet, Orange sei die schönste Farbe, die auf dieser Erde existiere. Ich widerspreche nicht, sondern sage nur, dass ich das okay finde. Damit wäre für mich das Gespräch beendet, aber so einfach läuft das nicht. Ich muss begründen warum, mein Gegenüber will zeigen, dass ich falsch liege. Natürlich spreche ich nicht von Farben, es geht um mehr als das. Es geht darum, dass der Andere grundsätzlich falsch liegt.

Es ist furchtbar anstrengend, sich seiner selbst bewusst zu sein und zu wissen, wie man denkt und dieses Wissen nicht wegen einer gegenteiligen Überzeugung ändern zu wollen. Damit kommen die meisten, nicht alle, Menschen einfach nicht zurecht. Also denke ich manchmal nichts. Und dann tue ich manchmal nichts, weil ich manchmal meine Meinung ändere und das geht nicht, wenn andere mir pausenlos dazwischenfunken.

Nichts zu tun ist also kein Auf-der-faulen-Haut-Geliege, es ist vielmehr Arbeit an mir selbst und den Lärm der Welt auf Pause gedrückt. Ich brauche das, ich will das. Und ich nehme mir die Zeit, nichts zu tun, weil ich kann und darf und niemand mir erzählen kann, dass ein Leben im Lärm angenehm ist. Manchmal sind Ohropax erlaubt, oder nicht?

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