Mündigkeit und Meinungsadaption

Die Aufklärung, die Jahre des metaphorischen Lichts, des Aufblühens jedweder Wissenschaften, das siècle de Voltaire, Lichtenberg, Rousseau, Hume und Kant.  Sie legte im 18. Jahrhundert den Grundstein für eine Welt, wie es sie heute gibt und steht für eine damals neuartige Sichtweise auf Welt und Wissenschaft, aber auch auf den Menschen als uneingeschränktes Individuum. Die bereits genannten Vordenker dieser Zeit (interessant: sie nennen sich auf Niederländisch Verlichtingsdenkers) legten den Grundstein für die uns umgebende Gegenwart und erwartende Zukunft, denn ihre revolutionären Gedanken beeinflussen bis heute unter anderem Religionsbetrachtung, Politiksystematik und Wirtschaftstheorie. Die siècle des Lumières, die ihren Beginn in Frankreich durch den Initiator Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet) fand, setzten die Grundsätze neu und schafften fruchtbaren Boden für Veränderungen und erneuerte Prinzipien.

 

Seit einigen Jahren wird das vernünftige Denken, ein Produkt dieser Bewegung, scheinbar anderweitig beeinflusst; Das World Wide Web verändert die Richtlinien der Mündigkeit und gibt jedem mit Internetzugang eine ganz eigene Stimme und Plattform. Ist das ein positives Resultat oder ein negatives Urteil über die entstandene heutige Gesellschaft, die nur auf die Individualitätsansprüche von damals zurückgreift? Und warum wäre das überhaupt ein Problem, fragen Sie?

 

Nun, im Grunde ist es ganz simpel. Das Internet wie wir es kennen, ist eine neue Stimme für die Menschen, und es ist unwiderlegbar eine Stimme mit unendlichen Möglichkeiten zur Selbstdarstellung und -weiterbildung. Die Allgemeinheit hat ohne hohe Kostenverpflichtungen oder Aufwand die Möglichkeit der Wissensaufnahme, dank netzverankerter Enzyklopädien, wie es sie erstmals in der Aufklärung erhältlich gab, allerdings noch mit hohen Geldern verbunden, die nicht jeder aufzubringen bereit oder in der Lage war. Damals prägte dies die stark ausgeprägte Klassengesellschaft, sie bildete die Noblesse und unterwarf das Proletariat den hochangesehenen Intellektuellen. Demnach ist das Web für uns heute die Möglichkeit, eine vernunftbegabte und selbstdenkende Zivilisation darzustellen, wie sie es damals das Ziel der Vordenker war. Wir können jederzeit uneingeschränkt Informationen einholen, sie hinausposaunen und unsere Argumente mit recherchierten Fakten belegen. Überhaupt hat sich das Rechercheverhalten der Menschen stark gewandelt, denn wer geht noch in Bibliotheken, wenn er auch googlen kann, was Sache ist? Sind wir also auf eine neue Art und Weise mündiger als je zuvor?

 

Vielleicht nicht, denn nicht nur Enzyklopädien finden freien Zugang im Netz, jegliche Meinung kann ungefiltert an die Öffentlichkeit gelassen werden. Politische Reden im selben Rahmen wie religiöse Hetze, keine Kontrolle erfolgt mehr in einem liberalen Saat wie Deutschland. Je nach Medium ist der Mangel an Kontrolle jedoch beidseitig negativ wie positiv behaftet. Er bedeutet eine gewissen Meinungs- und Willensfreiheit und setzt auf die Vernunftbegabung jedes einzelnen Menschen, doch ohne Faktenkontrolle ist ein Leser, der nicht in das behandelnde Thema eingearbeitet ist, schnell fälschlicherweise überzeugt. Es können Themen nur angeschnitten, nicht belegt und falsch ausgelegt werden und manches gilt somit als eine Aufforderung, eine gewisse Meinung zu adaptieren, statt zu hinterfragen. Tut man das jedoch unaufgefordert, weil man wachsam das Gelesene studiert und erlernt, eigene Schlüsse zu ziehen, wozu die diversen Unterschiede in der Meinungsäußerung im Netz eigentlich aufrufen, wäre diese Bildung dann nicht sogar der eigenen Mündigkeit förderlich? Demnach also die ständige Konfrontation mit tausenden von verschiedenen Lebensperspektiven und Resultaten eine zu bewältigende Aufgabe, die den Charakter formt?

 

Doch lernen wir wirklich, vom eigenen Verstand Gebrauch zu machen, wie Kant es von uns verlangte? Ist die Aufforderung nur meine persönliche Annahme und von Person zu Person anders zu interpretieren?

 

Fakt ist, dass Kant seinerzeit den öffentlichen vom privaten Gebrauch des Verstandes stark unterschied. Er bezog sich beispielsweise auf Lehrmethodik und öffentliche Ämter, die einen öffentlichen Nutzen inne hatten und haben und somit eine gewisse Meinung widerspiegeln sollten. Diese gewisse Zurückstellung seiner selbst kommt im Netz nur selten vor, die neu erstellte, netzbasierte Identität verschafft uns einen ganz neuartigen Begriff von Meinungsäußerung und verlangt eigentlich nach eine neuen Kant’schen Benennung. Im Grunde sieht sich der Nutzer ohne Unterlass mit Informationen bombardiert, mit Meinungen und Fakten, ohne selbst einen Grund zu brauchen, zu lernen. Diese schiere Masse an Wissen macht den Konsumenten noch dazu passiv, nähme ihm also die öffentliche sowie die private Nutzung des Verstandes ab. Gälte in diesem Szenario das Internet als einziges genutztes Medium, wäre er ungemein abhängig von Google und Co, dass er seinen Verstand gänzlich abbauen würde. Lichtenberg forderte die Menschen auf, selbst die sie umgebende Welt zu studieren und aus dem zu lernen, was vor ihnen liegt, statt nach Antworten von Gelehrten zu suchen. Die persönliche Mündigkeit sei per definitionem die Fähigkeit des selbstständigen Wissensaufbaus. Das Internet nimmt diesen wichtigen Lernprozess eindeutig vorweg.

 

Dennoch, ist der Mensch tatsächlich bereits so abhängig von lose umherfliegenden Informationen? Ich denke, es hängt, auch heute noch, vom konsumierenden Individuum ab. Wer auch immer das Internet nutzt, lebt nicht allein in dieser virtuellen „Realität“. Im Regelfall lernen wir durch Kommunikation mit Menschen, durch Umgang mit geprüften Medien wie Büchern und Zeitungen (wie es um diese steht, lesen Sie in meinem Artikel „Journalistische Umfrage“) und natürlich auch noch heute dadurch, uns unsere Meinung selbstständig zu bilden. Das beste Beispiel dazu stellt die ungebremste Meinungsäußerung selbst dar: Die Menschen sind heute mehr denn je am Austausch interessiert, die Sachlagen stehen ununterbrochen zur Diskussion. Die Vernetzung der Welt fordert gar dazu auf, sich mit Themen auseinanderzusetzen, auf die man ohne niemals gekommen wäre!

 

Ich selbst und der Fakt, dass Sie diesen Text gerade im Internet lesen und er Sie hoffentlich auf neue Gedanken zu bringen vermag, ist schon eine kleine Hoffnung für mich, dass nicht alles hier im World Wide Web bombardierender Schwachsinn ist. Wenn auch ein Tropfen auf den heißen Stein, ich will verändern oder zumindest bewegen, zu denken. Vielleicht bin ich tief in meinem Innern eine Aufklärerin und nur in der falschen Zeit geboren, wer weiß das schon…

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