Der Jakobsweg – Eine spirituelle Reise (Shirley MacLaine)

Ich interessiere mich für Extrema, für Herausforderungen, für Abenteuer und, vor allen Dingen, interessiere ich mich für Aufgaben, die mich selbst vor Abgründe stellen und mir zurufen, zu springen. Wirklich wahre Größe zeigt sich an der persönlichen Weitsicht, am Horizont, verstehen Sie? Ich sage immer, über den Tellerrand hinaus ist nicht genug. Ich will sehen, was es gibt, wenn alles, was der normative Mensch im Allgemeinen als „wichtig“ definiert, wegfällt. Wer bin ich, wenn alles, was ich besitze und meine zu verstehen, falsch ist oder nicht existent? Wer kann ich werden, wenn ich willentlich den Teller weglege und lerne, neue Ansichten zu  erkennen und zu verstehen? Ich will lernen. Wenn das allein auch nicht der Sinn des Lebens sein kann, so ist es doch ein Trost, manche Dinge aus einem neuen Winkel zu betrachten und mich selbst als Charakter und Persönlichkeit zu eigenständig formen zu können. Dieses Buch erzählt von einer Herausforderung und dient als eine solche an mich. Es ist eine Kopfsache, alles zu begreifen, was man in ihm lesen kann.

Shirley MacLaine ist anders. Ich kannte sie bis vor der Lektüre dieses Erfahrungsberichtes bloß als Hollywood-Schauspielerin in ihren besten, goldenen Jahren. Sie war für mich im Prinzip ein Niemand, doch sie spukte seit „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling in meinem Kopf herum. Laut ihm motivierte sie tausende Menschen dazu, den Camino zu beschreiten und zu beenden, diente als letzte Mutspritze, als Auslöser einer neuartigen Erfahrung und war auch für ihn ein großer Antrieb aus dem Alltag zu fliehen und die 800 Kilometer quer durch Spanien von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Santiago de Compostela zu wandern. Ich bewundere ihn dafür, alles stehen und liegen zu lassen und zu laufen, vom einen bis zum anderen Ende von Spanien. Und ich bewunderte MacLaine dafür, noch so viele Menschen mehr auf den Weg zu bringen als es Hape Kerkeling zu vermögen behaupten kann.

Ich überlas beim Erwerb des Buches (das übrigens nicht mehr verlegt wird, also nur noch gebraucht oder als Antiquität zu ersteigern ist) gekonnt den Zusatz der Spiritualität und kannte natürlich auch nicht die Vorgeschichte der Schauspielerin. Wie gesagt, dass sie rote Haare hat und noch am Leben ist, war die detaillierteste Beschreibung, die ich hätte liefern können. Künftige Leser sollen gewarnt sein, sie verlangt die größtmöglich aufzubringende Empathie zum Unglaublichen und Verständnis für spirituelle Erfahrungen und Sehnsüchte, ähnlich wie Paulo Coelho in seinem Bericht vom Jakobsweg, abgesehen davon, dass er von einem echten Menschen geführt wurde und sie in ihrem Fall von Traum-Visionen begleitet und geleitet wird.

Ich würde mich selbst als sehr anpassungsfähig in diesen Dingen beschreiben, ich bin nicht religiös und nicht gebunden von Überzeugungen, die in eine ganz bestimmte, noch in eine extreme Richtung ausarten. Ich will einzig und allein lernen. Doch es ist schwer etwas zu lernen, das unglaublich erscheint und nicht erfassbar sein soll. Sie selbst schreibt einige Male, was sie erlebte, auf ihrer Reise auf der Suche nach sich selbst, würde wohl niemand verstehen können, dafür sei es allerding auch nicht gemacht. Sie habe selbst etwas erfahren, das sie nicht recht glauben wollte und konnte. Allerdings ist ihre Art der sehr naturverbundenen Spiritualität, des Sich-Selbst-Glauben-Lernens und das Erfassen der ureigenen Gedanken ein lehrreicher Schritt in eine Richtung weg von den traditionellen Konventionen der festgefahrenen Gesellschaft von heute.

„Jeder von uns ist seine eigene Schöpfung. Das ist das Wunder kunstfertiger Menschlichkeit.“ Das bleibt am Ende hängen. Sie spielt keinen Moralapostel, sie erklärt ihre gedankliche Entwicklung, skeptisch und faktenorientiert, damit jeder ihr Ergebnis nachvollziehen kann. Wie Recht sie hat, wird erst beim zweiten Blick deutlich. Wir erschaffen uns unsere Realität, unsere Wahrheit und unsere persönliche Geschichte, und somit auch unsere gedankliche Orientierung. Nun unabhängig von Determinismus, Schicksal oder göttlichem Gedankenplan ist die Welt nur das, was wir in ihr sehen, und wir bleiben nur das, was wir uns denken. Ihre Schlussfolgerung des Extremwanderweges, in Begleitung von hochspirituellen Traum-Visionen, geistlichen Offenbarungen, Erleuchtungen, Meditationen, Atlantis und Lemuria, distanziert sie sich als Beobachterin und erklärt ihre Spiritualität zu etwas Nebensächlichem. Sie ist in der Lage, am Ende einen Schlussstrich zu ziehen, der nachdenklich macht, auch wenn alles Vorangegangene nicht wichtig, geschweige denn richtig, erscheint. Ich selbst, als überzeugte Kritikerin jeglicher Art kopflos-göttlicher Anbetung, bin nachdenklich geworden.

Was wäre, wenn wir tatsächlich den Sündenfall erlebt haben, und die Erzengel uns auf die Suche nach unserer ehemals im Gleichgewicht (Yin und  Yang) stehenden göttlichen Spiritualität geschickt haben, um diese Erbsünde des Zuwendens zu materiellem Fortschritt zu büßen? Was wäre, wenn wir immer wieder inkarnieren, um unsere Zwillingsseele zu finden und mit ihr wieder zu einer ehemals einzigen Seele zu verschmelzen? Was wäre, wenn wir die perfekte Gesellschaft, nach der wir tagtäglich streben, schon einmal zerstört haben, in Atlantis, von dem bereits Platon berichtete, als göttliches Experiment, das uns zu den habgierigen und egoistischen Menschen verdammte, die wir heute de facto sin, weil wir uns verführen ließen vom Baum der Erkenntnis? Fragen, die MacLaine in den Raum stellt, wie einen Elefanten in den Porzellanladen. Das anerkannt bekannte aller je existenten Welten ist in Frage gestellt. Zuletzt: Was bleibt schlussendlich real?

Ich stelle mir diese Fragen tatsächlich, und ich bin keineswegs in irgendeiner Weise in irgendeiner Welt spirituell. Ich bin rationalgeleitet und halte es für Unsinn. Dennoch, bin ich das Produkt der Sünde und muss so denken? Das entspräche dem Determinismus, allen weltlichen Religionen, dem sogenannten Schicksal und würde so vieles erklären. Ich bin verführt, zu glauben und kann es nicht. Ist das nicht unheimlich schadeSpeziell hier finde ich es zu naheliegend, dass es gerade Atlantis gewesen sein soll, gerade die Erzengel aus der Bibel, gerade Yin und Yang. Das sind bekannte literarische Figuren, könnte man sagen, und somit wären die Visionen von Shirley MacLaine nur der verzweifelte Versuch ihres Gehirns, die Welt als solche anhand von bekannten Geschichten zu erklären. Das, oder sie ist tatsächlich, wie beschrieben, in Kontakt mit der Welt gekommen, wie sie vor Tausenden von Jahren gewesen sein mochte.

In jedem Fall kann ich das Buch als Erfahrungsbericht über den Camino absolut nicht empfehlen. Ich habe selten so wenig gelernt über die Route des Weges und wo wenige Informationen für einen zukünftigen Pilger erhalten, wie bei MacLaine. Sie ist kein Reiseführer, sie fordert nicht auf, zu wandern. Im Gegenteil fordert MacLaine uns auf, uns auf andere Ansichten einzulassen, bringt auf spirituelle Fragen und erweitert den persönlichen Horizont. Darin ist sie gut. Eine letzte Bitte an den interessierten Leser: Erstens, esen Sie die Originalausgabe in der englischen Fassung. Die Übersetzung ist furchtbar. Zweitens, gehen Sie mit einem offenen Herzen an ihre Geschichte heran und urteilen Sie nicht, bevor Sie überlegt haben, warum Sie es tun. Viel Freude beim Nachdenken über das Universum.

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