Eine Glaubensfrage

Über diesen „Gott“ zu sprechen, zu schreiben oder zu diskutieren führt häufig zu Streit und wütenden Ausbrüchen, manchmal gefolgt von Ausrufen des Unverständnisses, der Verzweiflung und der Ungläubigkeit. Man wird persönlich angegriffen, unabhängig davon, welche Meinung man vertritt, sei es die unterschiedliche oder eben das Fehlen von Religion. Immer wieder habe ich mir in meinem Leben die Frage gestellt, ob es etwas Göttliches gibt, aber stellte ich mir diese Frage, weil es mich interessierte, weil ich etwas übergeordnet Leitendes spürte oder weil die Menschen seit jeher das Bedürfnis haben, einer einzigen Meinung verschrieben zu sein und sie als die einzig richtige zu deklarieren? Schließlich wissen wir spätestens seit der Ringparabel von Lessing, wie destruktiv das Beharren auf das angeblich einzig richtige sein kann.

Ich empfand es als Kind als überfordernd, zu einem großen, einzigen und allmächtigen Gott zu beten, denn im Prinzip wuchs ich nicht besonders religiös auf. Dennoch war und bin ich konstant mit Religion und Glauben konfrontiert, das bringt unsere monotheistische Gesellschaft in Europa nun mal mit sich. Unsere Schulen bilden uns aus, uns mit Fragen zu beschäftigen, auf die wir sonst nie gekommen wären. Wie die Glaubensfrage oder philosophische Fragestellungen, zum Beispiel die des unbedingten Determinismus des Menschen. Aber ist das richtig, ein Kind mit Antworten zu füttern, ohne dass es die Frage gestellt hat?

Es liegt mir fern, gläubige Menschen anzugreifen. Ich gehe sogar so weit, dass ich mir wünsche, dass es ihn gibt, den einen guten Gott. Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden, das sagte schon Voltaire zu Zeiten der Aufklärung. Er ist eine moralische Instanz, verschafft uns den Sinn des Lebens, den es sonst kaum gibt, und macht es uns leichter, uns zu lieben und gut zu leben. Ich bin ohne Unterlass auf der Suche einer Antwort nach einem Sinn, der mich und mein Leben irgendwie begründet und verzweifle jedes einzelne Mal. Ich habe es nicht aufgegeben, aber es macht kaputt, verstehen Sie? Und dann, aus heiterem Himmel, spricht man beispielsweise einen Christen darauf an und er kann seelenruhig und selbstsicher sagen, dass der große Plan Gottes schon richtig ist, wenn er auch für einen kleinen Menschen nicht ersichtlich ist. Dieses Vertrauen in etwas Unbegreifliches erscheint mir gleichzeitig so fremd und hirnrissig, aber doch so wunderschön, dass ich mir die religiöse Erziehung nachträglich wünsche. Gott schenkt diesen Menschen Kraft und lässt sie an sich selbst in einem Maße glauben, dass es fast schon übernatürlich großartig ist.

Und ich habe es wirklich versucht, zu glauben, habe Erfahrungsberichte gelesen und gehört, Menschen nach ihrem Verständnis von ihrem Gott gefragt und immer, ausnahmslos, sah ich ein Lächeln auf den Gesichtern der Menschen. Gott macht glücklich und gibt Sicherheit. Ich beneide das. Also wie kann einen diese Sicherheit so wütend machen? Warum konzentrieren sich die „modernen Menschen“ nur noch auf die Schreckensgeschichten der katholischen Kirche, sehen nur die blinde Anbetung des Papstes, Vertreter Gottes auf Erden, und die horrenden Ausgaben der Kirche für sinnlose Burgen eines Bischofs?

Die Medien trichtern uns gleichzeitig ein, wie toll und wie schrecklich Glaube sein kann. So entsteht globale Unsicherheit. Ich muss wohl keine Negativbeispiele nennen, wenn es um religiöse Übertretung des eigentlichen Gedankens geht, nicht wahr? Es ist furchtbar, wie einfach man etwas Lebensbejahendes wie Glauben in etwas Zerstörerisches wie Terror verwandeln kann. Wirklich, es erschreckt mich mehr, dass es von diesem Standpunkt aus geschieht, als wenn es aus schierem Wahnsinn heraus geschehen würde. Das würde wenigstens keine ganze Gemeinschaft in ein falsches Licht rücken und ihnen ihr Glück lassen.

Ich möchte meine Position als Schreiberling hier nutzen, um aufzurufen und zu ermahnen. Ich möchte nicht, dass alle Welt sich urplötzlich liebt und alles vergisst, was geschehen ist. Ich möchte nicht, dass Menschen gläubig werden, weil sie gute Menschen sein wollen. Ich will Verständnis und das Aufhalten von Verallgemeinerung. Nicht alle Christen sind pädophile Mönche, nicht alle Muslime wollen ihren Glauben verbreiten, indem sie Terror ausüben und nicht alle Juden sind Antichristen. Sehen wir doch einmal auf eine andere Art und Weise auf die Dinge und sehen das Glitzern in den Augen, wenn sie Lieder singen von ihrem Gott, begreifen einmal die Hingabe, wenn sie zum Gebet knien und Ihm huldigen, und wertschätzen, dass sie den Namen aus Ehrfurcht nicht aussprechen, um den Zauber zu erhalten, der sie alle erfasst. Denn was uns alle verbindet, religiös oder atheistisch, Agnostiker und Zweifler, ist die Suche nach Akzeptanz.

Ich lade Sie herzlich ein, sich einmal in eine Gemeinde zu setzen und ihnen zuzuhören, nicht nur zur Messe an Ostern oder Weihnachten, einfach so. Besuchen Sie eine kleine Gemeinde, in der Sie ohne Probleme mit den Menschen sprechen können, Sie werden merken, dass sie Ihre Fragen wertschätzen. Sie werden sich aufgenommen fühlen, Sie werden merken, wie der Glaube jegliche Arten von Menschen zusammenführt. Vor allen Dingen werden Sie etwas erleben, das sich bedingungslose Hingabe nennt. Ich selbst, als Atheistin im Gottesdienst einer Gemeinde meiner Freundin sitzend, muss immer wieder lächeln und kann nicht aufhören, das Glück zu spüren, das die Menschen ergreift, wenn Sie von Ihm singen oder zu Ihm sprechen. Ich möchte auch eine Moschee besuchen und die etwas andere Art erfahren.

Noch einmal: Übernehmen Sie keine mediale Meinung. Übernehmen Sie nicht die Meinung Ihrer Familie, weil das am einfachsten ist. Suchen Sie sich selbst und fühlen Sie sich gut, wenn Sie sich im Glauben wiederfinden, überraschend oder nicht. Und lassen Sie andere das Leben führen, das sie verdienen, ohne zu beschuldigen, sinnlos in die Luft zu reden.

Es ist niemals sinnlos, einen Sinn für sich gefunden zu haben. Es ist wahre Freiheit in unserer angeketteten Welt. Begreifen Sie das?

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