Madame Bovary (Gustave Flaubert)

Emma Bovary, eine Romanfigur des 17. Jahrhunderts, schön und unnahbar, verrucht und verliebt, ohne Grenzen leidenschaftlich, aber begrenzt zur wahren Liebe fähig. Sie versetzte damals mit Erscheinung des Realismus-Romans die Menschen in Angst und Schrecken, betrügt ihren Angetrauten Charles mit Männern zweifelhafter Motive und ist noch dazu von einer Nervenkrankheit fehlgeleitet. Damals war Flauberts Roman eine Provokation ohne vergleichbaren Nachklang, man hasste diese Frau und feierte ihren dahinsiechenden Tod. Zu Recht?

Flaubert ist Realist durch und durch. Er verachtet die Romantik, obwohl er selbst früher ein unveröffentlichter Schreiberling in diesem Genre war, und macht seine Protagonistin zum Opfer der Fantasie, ein Wagnis, wie es kaum ein Autor je tat: Die Heldin wird zum absoluten Abscheu-Objekt degradiert. Sein schwarzer Humor und seine realistische Erzählweise sind bis heute unvergleichbar und einzigartig, dennoch nicht einfach lesbar. Man kann nicht behaupten, dass es leichte Lektüre ist, doch schwere Kost ist Madame Bovary ebenfalls nicht. Wichtig: Es steckt keine Philosophie dahinter, Flaubert war reiner Liebhaber des geschickten Wortes, wörtlicher Philologe, besonders üblich ist sogar die Darstellung seiner Person als an chirurgische Exaktheit und Präzision grenzender Irrer. Denn das war er zu Lebzeiten: Er ist nervenkrank, ungeliebt von seiner Familie, Freigeist unter Juristen und Ärzten. So weit geht er gar, sich selbst als Madame Bovary zu bezeichnen.

Wer ist diese Emma Bovary und warum hat nur sie den Roman zu einem Klassiker gemacht? Emma ist nervenkrank, illusionsabhängig, romantisch verklärt, intelligent unterfordert, unglücklich und in ständiger Zwietracht mit sich selbst. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass es sich um ein literarisches Meisterwerk handelt und alle Bemerkungen meinerseits reine Interpretation sind, das ist sehr wichtig. Denn ein Roman wird erst dann ein Klassiker, wenn sein Thema immer aktuell bleibt, sprich eine persönlichkeitsabhängende Diskussion anregen kann, literarische Komplexitäten aufweist und, überraschenderweise am wenigsten zu gewichten, mitreißt.

Das Thema. Emma setzt die Grundsätze der damalig vorherrschenden gesellschaftlichen Prinzipien vollkommen und ohne Ausnahme außer Kraft. Gleichzeitig fühlt sie sich so von der gehobenen Gesellschaft angezogen, dass sie beinahe obszöne Sehnsüchte annimmt und sich selbst in ihren Wünschen verliert, sie symbolisiert im Prinzip die Widersprüche der Gesellschaft. Flaubert bleibt vielschichtig und bezieht sich nicht nur auf die bourgoisie, sondern beispielsweise auch auf Religion, Wissenschaft, soziale Interaktion, Scheinheiligkeit (hypocrisie) [taucht vor allen Dingen bei Sartre im 20. Jahrhundert wieder auf], Liebe und Hass. Eigentlich schafft es Flaubert, eine ganze Epoche historisch, politisch, wirtschaftlich sowie literarisch in Frage zu stellen und dennoch bleiben die Leser seiner Zeit, wie noch heute, nur beim Ehebruch hängen. Ist das nicht ein unfassbares Stilmittel? Er ist in der Lage, unser aller Leben zu hinterfragen und wir sehen nur sie, wie sie ihren armen, passiven Mann betrügt. Vielleicht eine Warnung an unsere Kurzsichtigkeit, vielleicht eine Unterstreichung der Scheinheiligkeit, vielleicht eine Verzweiflung des Autors an seinem Publikum.

Emma ist nicht nur unglücklich, sie ist krankhaft depressiv. Spezifischer: Sie leidet an einer Krankheit, die heute gemeinhin als Bovarysmus bezeichnet wird, natürlich abgeleitet von diesem Roman, und damals nur begrenzt bekannt war; die immer wiederkehrende Flucht aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt. Diese Flucht führt zur Verachtung der Realität und ist in seinem Zyklus nicht aufzuhalten (zyklischer Determinismus). Zum einen gilt dieser Zyklus als von Flaubert medizinisch unfassbar präzise dargestellt (Flaubert Senior war selbst Chirurg und sein Sohn wird seine natürliche Beobachtungsgabe mit dem Wissen seines Vaters verbunden haben), ebenso ist ebendieser Zyklus von Passivität und Aktivität Gustave Flaubert’s wohl bedeutendstes Stilmittel.

Denn der gesamte Roman beruht auf Wiederholung. Das beginnt mit Charles‘ Kindheit und endet erst mit seinem Tod. Haben Sie etwas bemerkt? Es ist nicht Emma, die Anfang und Ende bestimmt, sie ist bloßes Opfer des zyklischen Geschehens. Es ist tatsächlich die passivste Figur im gesamten Roman, derjenige, der am meisten unter seiner kranken Frau leidet, somit erst die Figur dritten Rangs, wenn es um den Einfluss des Zyklus geht, und gleichzeitig derjenige, der sie am meisten vergöttert. Sein Leben wird bestimmt von den Frauen, die ihn regieren, und doch bleibt er glücklich. Emma wird immer freier, fühlt sich mehr und mehr ungebunden durch ihren nichtsnutzigen Ehemann, und ist so unglücklich, dass sie sich gezwungen sieht, ihr Leben zu beenden. Der Glückliche ist der Passive, die Unglückliche diejenige, die sich wehrt. Sie gibt an allem Charles die Schuld und Charles wird der Dummkopf der Geschichte, der immer zu ihr hält, sogar noch nachdem er von ihren außerehelichen Aktivitäten erfährt, nicht von ihr, denn durch die Briefe ihrer Liebhaber. Was ist, wenn Charles die Schlüsselfigur des Romans ist, und Emma nur Versinnbildlichung des Elends, das in Flaubert vorging? Was ist, wenn Charles am Ende eine Antwort ist und kein verwirrtes Fragezeichen? Wenn Flaubert politisch war und die nichtsnutzige Politik in Frage stellte, die passiv glücklich, aber ohne Zweck existiert und der Autor seiner Zeit schon weit, weit voraus war?

Gemeinhin wird der Selbstmord der Emma Bovary mit Arsen als Höhepunkt der Handlung betrachtet, und weil dazu genügend Interpretationen kursieren, möchte ich hiervon nun wenig erzählen. Ich sehe es nicht unähnlich, allerdings halte ich diesen Punkt nicht für den wichtigsten, sondern für den am schönsten erzählten. Sie stirbt qualvoll, doch glücklich, und drängt Charles in eine Verrücktheit, die ihn wiederrum in einen unglücklichen Tod treibt. Sie erinnern sich hoffentlich noch an die zyklische Erzählweise des Franzosen, nicht wahr? Weiter gedacht ist Charles Bovary die Antwort auf die von Emma gewaltsam gestellte Frage, ob es in einer solchen Gesellschaft der Tyrannei und Beherrschung von Prinzipien und Moral, die ins Nichts oder schlimmer ins Unglück führen, sinnvoll ist, weiterhin leben zu wollen. Gewissermaßen fragt Emma, ob das Glück anderer wichtiger ist, als das eigene, und weitet es gegebenenfalls auf eine größere Menge von anderen aus.

Charles symbolisiert die Romantik, ebenso wie Emmas Bovarysmus, so gesehen setzt Flaubert bewusst einen nicht respektierten Nichtsnutz mit einer zerstörerischen Krankheit gleich. Sein realistischer Stil mokiert sich über die Romantik, doch er gibt ihr mit Charles ein nicht zu ignorierendes Gewicht. Somit ist die vermeintliche Verachtung der gefühlgeleiteten Epoche in Wirklichkeit ein Aufruf an die Leser, dem Realismus und der Romantik die Waage zu halten. Flaubert hinterfragt keine Ambitionen, keine Werte. Er hinterfragt Extrema und ihre Illusionen, die bis in die Realität reichen und uns unglücklich machen. Er ist ein Botschafter des Denkens, des eigenen Urteils und somit seiner Zeit noch weiter voraus. Er macht aus den Durchschnittscharakteren bedeutende Persönlichkeiten ohne vollständig funktionierenden Verstand und spricht mit seinem Roman das Moralverständnis seiner Leser an. Er ist Wegbereiter für den europäischen Roman, doch weitestgehend auch für prominente Beispiele für viel später großwerdende Autoren wir Brecht oder Sartre. Flaubert ist Visionär, das sage ich.

Die Wortesammlerin.

(Quelle: Gustave Flaubert: Madame Bovary. Carl Hanser Verlag, München, 2012 [Übersetzung: Elisabeth Edl])

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