Papertowns (John Green)

John Green ist sehr einfach gestrickt und erzählt gerne die gleiche Geschichte mehrfach. Er wird niemals Literaturnobelpreisträger sein und er ist eindeutig kein Meister des perfekten Ungesagten, das dennoch so klar bleibt. Er beschreibt immer wieder die gleichen Charaktere und verändert bloß geringfügig die Handlung, um ein Buch wieder und wieder zu verkaufen. Was also begeistert uns an ihm und seinen Romanen?

Papertowns, zu Deutsch Margos Spuren, ist ein besonderes Beispiel. Denn es ist die schiere Unperfektion, die uns aufhorchen, die uns seine Worte spüren lässt. Es ist seine Simplizität, seine gut gelungenen Sätze, die hier und dort eingestreut sind. Wenn man ihn liest, hat man grundsätzlich das Gefühl, dass er nach Zitaten arbeitet, denn die Stränge seines Plots zielen immer auf einzelne Passagen ab, die dann die Bedeutung der Szene zu vertiefen vermögen. Green arbeitet ganz einfach, und als Jugendbuchautor versucht er gar nicht erst, eine neue Philosophie einzuarbeiten, das ist nicht sein Ziel und wäre es das, sollte man von ihm enttäuscht sein. Nein, es ist die Aufforderung zu denken und eine Einladung, an tiefere Gedanken einen Wert zu hängen.

Deshalb ist er auch so unwahrscheinlich beliebt bei seiner Zielgruppe von großwerdenden Teenagern; Er öffnet für sie eine neue Welt und verbindet sie gleichzeitig mit dem Vertrauten, er schafft also ein Zuhause auf der Basis von Neugier und verlangt das selbstständige Denken, ohne zu überfordern. Dabei spielen seine Protagonisten immer eine wichtige Rolle, in diesem Fall Margo Roth Spiegelman. Allein ihr Name symbolisiert eine Fähigkeit, aus der Masse herauszustechen, ein Traum (zu) vieler Teenager. Sie steht für das unerreichbare Cheerleadergirl, in das der männliche Protagonist Quentin  natürlich unsterblich und seit ihrer gemeinsamen Kindheit verliebt ist. Er ist die Identifikationsfigur aller unsicheren Nerds, wenn man es überspitzt darstellen darf. Er hat einige sehr gute Freunde, die ihn in allem unterstützen, wobei auch sie nicht übermäßig auffallen. Somit sind alle Klischees erfüllt und jeder Halbstarke fühlt sich angesprochen und ist in der Lage, sich in die eine oder andere Figur einzufühlen.

Dann ist das noch die Sache mit der Depression. Green liebt es, seinen weiblichen Protagonisten ein geheimnisvolles und unerklärliches Image zu verpassen, so tat er es in Looking for Alaska (Eine wie Alaska) und so tut er es auch hier. Er lässt sie nachts auftauchen und seltsame Dinge von einem Kindheitstagenfreund verlangen, ohne eine Erklärung zu geben, denn das ist nicht nötig. Die Leser denken sich grundsätzlich ihren Teil und vermuten eine Depression hinter der quirligen Margo, oder man hält die für eine individuelle Gestalt, die die Gesellschaft für Humbug hält, noch eine Identifikationsmöglichkeit.

Merken Sie etwas? Green ist nicht erfolgreich, weil man seinen Stil oder seine Storylines liebt. Man sieht sich grundsätzlich selbst in seinen Werken, zumindest als Heranwachsender. Dabei bleibt einem nichts anderes übrig, als ihn zu bewundern und seine Probleme von ihm erklären zu lassen. Er gibt als einziger Erklärungen für die natürlichen Veränderungen in den Köpfen junger Leute und zaubert noch eine unerklärliche Liebesgeschichte dazu, die so nie entstehen würde, aber Anlass zum Träumen bietet. John Green ist der Versteher der jungen Leute und für manche der einzige dieser Sorte in ihrer Umgebung. Nicht viele trauen sich, das Unrealistische so drastisch mit dem wahren Leben zu verbinden und doch ein gutes Gefühl zu hinterlassen.

Und natürlich ist er nicht vergleichbar mit Irving, Murakami, Camus oder Melville. Aber er hat seinen Platz eingenommen und will nicht mehr, als ein wenig Farbe in den grauen Alltag zu bringen, und einzuladen, nicht aufzuhören an eine schöne Welt zu glauben. Man mag ihn plump nennen, unbeholfen und vielleicht sogar schlecht durchdacht, aber in der heutigen Welt voller riesigem Druck auf den Schultern kleiner Menschen sind seine Gedanken teilweise Gold wert und retten mitunter unzählige Teenager wenigstens vor  einem Moment der Selbstverachtung.

„That’s always seemed so ridiculous to me, that people would want to be around someone because they’re pretty. It’s like picking your breakfast cereals based on color instead of taste.”

John Green wird nicht die Welt mit neuen Ideen retten oder maßgeblich verändern. Aber er ist wichtig und hat berechtig einen Platz in meinem Herzen verdient. Gäbe es ihn und seine überzogenen Geschichten nicht, wäre ich nicht wer ich heute bin und würde anders denken, als ich es heute tue. Er bringt mit seiner einfachen Sprache nicht nur das Englische näher an Lernende, sondern auch eine Erleichterung für diejenigen, die ein zu schweres Paket mit sich tragen und sich einmal nicht alleine fühlen müssen. Man muss mir auch nicht zustimmen, es ist bloß mein Gefühl.

Das der Wortesammlerin.

(Quelle: John Green: Papertowns. Bloosbury Publishing, London, 2010)

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