Dead Poets Society (Nancy H. Kleinbaum)

Der Club der Toten Dichter – ein Traum der Kindheit und eine Erinnerung an die Konformität der Gesellschaft. Verrat, erste Liebe, Sturm und Drang, Revolte, Zusammenhalt und Freundschaft, Gewalt, Gott und Anrufe. Eine kleine Zusammenfassung eines Klassikers, der noch heute,  derzeitig 26 Jahre nach Erscheinung des Films, seinen imposanten Schatten über uns wirft. Die gewaltigen Bilder und die durchdachte Storyline sind wahrhaft zeitlos, denn die Thematik ist und bleibt immer aktuell: Die jugendliche Auflehnung gegen veraltete Prinzipien und Auffassungen.

Neil Perry und Todd Anderson, beide Protagonisten von Film und adaptivem Buch suchen nach der Individualität, an einem konservativen Jungen-Internat. Sie finden Ihre Inspiration dazu unerwartet im modern lehrenden Professor John Keating, der ihnen die amerikanische Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts nähert. Mit den Worten Whitmans, Thoreaus, Byrons, Cummings‘ und vielen mehr, beginnen die Jungen über die größeren Zusammenhänge nachzudenken und entdecken außerdem den ‚Club der toten Dichter‘, gegründet von ihrem Professor Keating, als er selbst dieses Internat besuchte und ähnlichen Gedanken nachhing.

Dieser Club besteht nun aus einer Gruppe von Freunden, die gemeinsam die Poesie, Romantik und lyrische Schönheit entdecken und in ihrer eigenen Welt nach ihrem eigenen Ideal suchen. Dabei gehen einige weiter als andere, man sucht nach der großen Liebe, nach romantischer Gesellschaft und nach der eigenen Begeisterung für Unkonventionelles. Wie weit die Jungen gehen, bestimmt die Geschichte, denn was sie tun, ist gegen die eingerostete Meinung des Internatleiters.

So kommt es schließlich in dieser Geschichte zur Tragödie, und ich gehe davon aus, dass die meisten Leser das Ende der Geschichte kennen. Dennoch denke ich, dass das zentrale Thema nicht der Tod und nicht einmal Poesie oder Lyrik ist. Tom Schulman, Drehbuchautor des Films, dachte sich viel mehr dabei. Denn was die Junge gewinnen ist nicht nur literarisches Wissen und einen erweiterten Horizont, sie gewinnen für sich vor allen Dingen Liebe. Sie gewinnen die Liebe zu ihrer Leidenschaft, zum Ausdruck ihrer Gefühle und zu ihrer persönlichen Freiheit. Das bedeutet nicht, dass sie schlussendlich tatsächlich freier seien, wichtig ist, dass sie es für sich sind. In ihren Köpfen, ihren ganz eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen, die sie dank Keating machen durften, sind sie nach eigens aufgebauten Auffassungen frei. Frei in ihren Handlungen, ihren Ideen und ihren Interessen. Der Leser ist berührt von der Aufopferung der Jungen und weint ob der Liebe zu Keating, aber ist es das? Soll es das gewesen sein?

Es ist schwerer zu beantworten, denn im Grunde ist es das wirklich, aber es steckt mehr dahinter. Erstens: Sie sind keinesfalls freier als zuvor, sie sind unter genauer Beobachtung des Schulleiters und der nicht involvierten Mitschüler und Anfeindungen ausgesetzt, die sie niemals erlebt hätten, wäre Keating nicht gekommen und hätte ihnen ihre Unfreiheit bewusst näher gebracht. Hier kommt gar Sartre ins Spiel: Die Scheinheiligkeit und seine zentrale These der Gefangenheit des Menschen in seinen Taten machen dieses Drehbuch zu einem zeitlosen und lyrischen Klassiker. Damit will ich nicht sagen, dass Schulman genau das anvisiert hat, aber das sehe ich darin. Die Schüler der Welton Academy hassen ihr Gefängnis und schauen herab auf die Ideen des Internats. Dennoch bleiben die bis zur Einstellung Keatings absolut konform. Ein Paradebeispiel der sartreschen Scheinheiligkeit. Und die Begeisterung der Jungen ist ihr Weg aus der Hölle, ihre Befreiung aus der Hilf- und Tatenlosigkeit. Sie beginnen ein Leben zu führen, das ihnen wichtig ist und das eine Bedeutung beigemessen bekommt. Sie verdanken dies allein einem Lehrer. Eigentlich ein Paradoxon, wenn man bedenkt gegen wen sie sich revoltieren, nicht? Genau das macht den Film geradezu aus, dass sie die Individualität von einem konform zu arbeitenden Individualisten gelehrt bekommen. Sie imitieren die Revolte des Lehrmeisters, und fühlen sich frei. Sie sind es vielleicht nicht, aber die Gefühlswelt ist offen für neue Eindrücke und nicht mehr begrenzt auf eine kleine, fiktiv aufrechterhaltene, tugendhafte Welt, die ihnen Vorschriften macht, die in ihrer Zeit keinen Sinn mehr machen.

Zweitens: Keating repräsentiert den Romantiker an sich, die Schüler die Leser der Gedichte. Eigentlich sollte es eine simple Geschichtenerzählung mit einem Hauch Moral sein und doch ist es gleich viel mehr. Denn die Veränderung der Gemüter und Gedankengänge symbolisieren eine Änderung in der Historie und zeigen einen zentralen Persönlichkeitszwist: Die Verlorenheit zwischen Logik und Lyrik. Sturm und Drang kamen in der Geschichte nur kurz vor dem Realismus, der Film und das Buch sind sozusagen eine vage Antwort auf eine der wichtigsten Fragen der Neuzeit: Wer gewinnt in unserer heutigen Welt, Herz oder Hirn? Das ist jetzt eine Alliteration zu viel, sagen Sie jetzt? Das sagt der Film im Prinzip auch. Es gibt zu viele Antworten auf diese Frage und die einzige richtige von ihnen ist die eigene. Individualität und Verstand, Rationalität verbunden mit Leidenschaft zur Theatralik, das ist das Geheimnis dieses immerwährenden Klassikers.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote zum Nachdenken über Intertextualität: Oh Captain, my Captain, Zitat aus dem Gedicht von Walt Whitman, das die Ermordung Abraham Lincolns zum Thema nimmt; Abraham Lincoln, der republikanische, amerikanische Präsident, der die Sklaven befreite und die Freiheit proklamierte, ein Mann, dem eine Heldenverehrung zuteilwird, die bis zu Vergleichen mit Jesus Christus führt, all dies nach seinem gewaltsamen Tode zu Lebzeiten Whitmans. Nur zum Nachdenken, denn es steckt immer mehr dahinter, als man erwartet, wenn es um die wahre  Lyrik geht, das verspreche ich.

Die Wortesammlerin.

(Quelle: N.H. Kleinbaum: Dead Poets Society. Kingswell [Touchstone Pictures], 1998)

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