In einer Person (John Irving)

Es gibt wenige Menschen, die in der Lage sind, Alltägliches zu Gold, Bekanntes zu einem Abenteuer und Neues zur Regel zu machen. John Irving, US-amerikanischer Schriftsteller, beherrscht dies und noch viel mehr in einem einzigen Atemzug. Alles ist wohlbedacht formuliert, die Charaktere werden unabdinglich für die Geschichte, jedes Wort liegt auf der Goldwaage, leicht wie eine Feder. Es ist kein Liebesroman im eigentlichen Sinne und man fühlt sich auch keinesfalls leicht wie eine Feder bei der eigentlichen Lektüre, denn dieser Mann verlangt in dem Moment, da man sein Buch in Händen hält, zu denken und zu urteilen, ohne voreingenommen zu sein.

Seine Handlung zieht sich bis ins Absurde und seine liebevoll kreierten und meisterhaft durchdachten Charaktere gehen gleich mit. Bereits auf der ersten Seite wird klar, dass das hier nicht die Norm sein wird und die Neugier ist geweckt. Warum? Bill Abbott, auch bekannt als William Francis Dean, will Schriftsteller werden. Und Sex mit der Bibliothekarin Miss Frost haben, „nicht unbedingt in dieser Reihenfolge“. Das fasst das Buch ziemlich gut zusammen. Klingt komisch, sagen Sie? Ich sage Ihnen, ist es nicht, nicht bei Irving.

Bill ist nicht schwul. Bill ist bisexuell, und was noch schlimmer ist, er ist stolz darauf. Zumindest denkt das der Großteil seiner Geheimniskrämerfraktion-Familie, inklusive seiner Mutter. Behütet wächst der Junge in einer Kleinstadt in Vermont auf, behütet von seiner theaterverfallenen Familie, und findet in seinem zukünftigen Schwiegervater Richard Abbott und der Bibliothekarin Miss Frost seine ersten Idole. Sie zeigen ihm auf, dass er ein Faible für verbotene Schwärmereien in sich trägt und er kämpft mit jeder seiner Fasern dagegen an. Er will so sein wie die anderen, will nicht den Ringerschönling anhimmeln und gleichzeitig seine beste Freundin Elaine sexuell anregend finden. Er spielt viele Rollen, um nicht hervorzustechen, doch keine ist so komplex, wie es eigentlich der Fall sein sollte. Keine stimmt mit ihm überein und er muss viele Geheimnisse erfahren, bevor er wirklich er selbst sein kann, ohne dass die anderen daran schuld sind.

Alles in allem ist die Art der Erzählung typisch für Irving, denn seine komische Tragik und sein Hang, andere Stücke und Romane als Stilmittel zu verwenden kommen hier wieder deutlich zum Vorschein. Shakespeare spielt eine große Rolle, ebenso wie Flaubert, Ibsen oder Dickens, um nur wenige zu nennen. Sie sind nicht nur wichtig für die eigentliche Handlung, es ist wichtig, zu verstehen, weshalb. Klingt kompliziert, wird von Irving aber stark vereinfacht. Denn blickt man mal über seine gewöhnlichen drei Meter hinaus, erkennt man schnell, dass einige Verbindungen entstehen, die die ohnehin umfassende Geschichte noch komplexer und kräftiger machen. Irving will, dass seine Leser weiter sehen als gewöhnlich, möchte Toleranz wecken, bleibt aber effektiv unaufdringlich.

Die 721 Seiten mögen furchteinflößend im Regal aussehen und auf uns niederblicken, aber in Wahrheit wartet ein guter Freund auf jeder einzelnen von ihnen. Die Liebe, die überall lauert, in bunteren Farben, als die meisten kennen, und ausgetüftelter präsentiert, als es die Regel ist, bereichert das Leseerlebnis und erfüllt mit Freude. Dabei geht es nicht um die einzig wahre Liebe, Agape oder Verliebtheit, es ist eine rohe Gefühlswelt, die zu uns herüberschwappt und keine Erwiderung ersehnt, sondern Verständnis. Es geht nicht darum, ob man Unterstützer der LGBTQ-Community werden will (oder wie sie sich in Zukunft nennen wollen wird), es geht nicht darum, dass man schwul oder lesbisch sein muss, um sie zu begreifen, es geht nicht darum, eine Daseinsberechtigung für Homosexuelle zu schaffen. Es geht darum, die Normalität, die dahinter steht als solche zu begreifen und zu verinnerlichen. John Irving verlangt auf keinen Fall Toleranz. Er setzt sie voraus. Und die Geschichte dahinter steht ebenso für Mut und Ausdauer, sich selbst zu finden, wie um die Gesellschaft, die dies unbewusst verhindern will.

Zugegeben, der Roman spielt in den 1950er Jahren, kommt aber in der heutigen Zeit an und genau dort findet sich ein gesellschaftskritischer Hintergrund, eine kurze Anekdote, die beweist, dass es heute zwar einfacher, es jedoch kein reiner Freudentanz ist, anders zu sein. Die Rollen des täglichen Lebens verteilen sich noch immer mehr oder weniger gerecht auf die gegebene Lebenszeit, jedoch unbewusster als noch vor wenigen Jahren. Vielleicht sind es neue Rollen, vielleicht die gleichen, und die Schauspieler werden bloß immer kreativer und begabter, sich zu verstellen. Das werden wir wohl nie erfahren, denn alle, die wir denken, alles zu wissen, fühlen sich bloß in ihren zugeteilten Bühnenauftritt ein.

Tragik und Komik spazieren hier Hand in Hand in den Sonnenuntergang, es geht um Kindesmissbrauch, ebenso wie um die erste Liebe, Transsexuelle heute und früher, Aktive und Passive, eine mehr oder weniger unschuldige Jugend im Internat und Sex mit Minderjährigen. Es geht um Krankheit, Tod und Reue, nie im herkömmlichen Sinne, um Freundschaft plus, mal mehr mal weniger. Es geht um Selbstfindung und Unabhängigkeit von denjenigen, die das absolut nichts angeht.

Ein Zitat, das eigentlich im Buch steht, um eine bestimmte Situation begreiflich zu machen, hat es mir persönlich besonders angetan, natürlich von Shakespeare: „So lasst uns, der trüben Zeit gehorchend, klagen, / Nicht, was sich ziemt, nur, was wir fühlen, sagen“ (Ausschnitt aus dem König Lear). Das fasst es grandios zusammen, schon weit am Anfang des Buches. Ich sagte bereits, lesen Sie es mit Bedacht, John Irving  ist ein kluger Mann und zählt auf die Effektivität seiner Worte. Jedes einzelnen.

So denke ich, die Wortesammlerin.

 

(Quelle: John Irving: In einer Person. Diogenes Verlag, 2012)

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