Mein Jakobsweg – Eine Frau auf dem Weg nach Santiago (Elke Sauer)

Elke Sauer ist zuckersüß, ich nenne sie seit der Lektüre dieses autobiographischen Ratgebers nur noch „Die Elke“. Sie ist eine der Menschen, die sich entscheiden, den Camino de Santiago, also den Pilgerweg des heiligen Schutzpatronen Jakobus bis nach Santiago de Compostela, zu laufen – mit Mitte 60 und nach langjährigem Krebsleiden. Sie wünscht sich das, seit sie die Diagnose damals erhielt, sieben Jahre hielt sie an ihrem Wunsch fest und als sie endlich die unwahrscheinliche Chance erhält, zu laufen so lange ihre Füße sie tragen würden, machte sie sich auf den Weg in die Pilgerhauptstadt.

Bekanntheit erlangte der Camino de Francés unter anderem durch den Comedian Hape Kerkeling, der 2001 die gleiche Route einschlug und seine Erfahrungen in seinem Tagebuchroman „Ich bin dann mal weg“ dokumentiert. Elke macht es ganz ähnlich, nur weniger protzig. Sie ist eine recht unbekannte Kurzgeschichtenautorin, schreibt Gedichte und ist seit beinahe 50 Jahren mit ihrem Peter (ja, „der Peter“) verheiratet, den sie am Rosenmontag kennen und natürlich lieben lernte. Ein anderer bekannter Roman von ihr nennt sich „Ist das mein Kind?“, in dem sie von ihrem von ADS geplagten Kind erzählt und von seinem Ende in den Drogen und auf der Straße berichtet. Seine Erwähnung findet auch hier großflächig Platz, unter anderem in einem recht unspektakulären, weil zu direkt artikulierten, Gedicht.

Von Elke selbst erfahren wir so viel, dass ich das Gefühl habe, meine eigene Großmutter wäre auf Pilgerreise gewesen und sie würde ihre Geschichte mit mir teilen, denn ihr Stil zeichnet sich aus durch seine Simplizität und eine Gesprächsform, wie ich es noch nie zuvor in einem Buch vorfand. Sie liebt Ausrufezeichen, weiß von ihrer Kindheit in der DDR zu berichten, kennt ihre konservativen Grenzen, schafft es aber dennoch, zu klingen, wie ein aufgeregtes kleines Mädchen, das endlich hinaus in die große Welt darf. Wirklich, in ihrem Roman, wenn man das so nennen darf, lernt man mehr über sie, ihr vergangenes Leben und ihren Charakter, als über den Jakobsweg, wenn auch der nicht zu kurz kommt. Sie erscheint mir, wie eine ältere Freundin, schüchtern und von ihrem Leben und ihrer Liebe zu Peter und ihrer Familie gezeichnet. Sie ist zuckersüß, aber keine Schriftstellerin.

Zu kurze Sätze, zu viele Absätze nach zu wenig Inhalt, Auflistung von unwichtigen Geschehnissen. Zeitweilig hatte ich sogar das unangenehme Gefühl, sie würde einen Erlebnisaufsatz für den Deutschunterricht schreiben, der aus Versehen ein wenig zu lang geworden ist. Dennoch habe ich das Buch – zu meinem eigenen Erstaunen – sehr gerne gelesen und ich fragte mich lange Zeit, weshalb eigentlich.

Es ist ihre Art, ihr Humor und ihre lebensbejahende Einstellung. Dachte ich, bis ich feststellte, dass das völliger Mist war. Sie ist nicht übermenschlich positiv, nicht übermenschlich engagiert, sie erlebt nicht einmal etwas erstaunliches wie seinerzeit Hape Kerkeling mit wilden Straßenhunden, Schießereien, verrückten Menschen und einem johlenden Staatsempfang auf dem Rathausplatz von Santiago de Compostela. Sie ist ein kleines Schäfchen in der Pilgerherde und macht sich nie größer als sie ist. Sie beginnt erst ab der Hälfte des Camino de Francés, um sich zu schonen, ist also auch keine große Sportlerin, krankheitsbedingt setzt sie sogar viele Strecken aus, besonders beim zweiten Lauf, bei dem sie die Strecke bis zu ihrem vorigen Startpunkt, Burgos, aufholt. Nein, sie ist kein Schreibtalent, sie ist einfach die Elke.

Und ebendies, all das aufgezählte, macht sie für mich zu einem greifbaren Menschen. Sie mutiert zu einem guten Freund, der Ratschläge gibt und schreibt ihre Lebensgeschichte gleich gratis dazugibt. Man lernt sie kennen, Stück für Stück, eben Seite für Seite, ohne das Bedürfnis zu verspüren, sie zu einem Star machen zu müssen. Der gegebene Rahmen scheint ihr zu genügen, sie ist einfach einfach. Nicht mehr und nicht weniger.

Noch dazu hat sie eine gute Portion Humor behalten, obwohl sie tatsächlich so viel in ihrem einzelnen Leben überstehen musste, das viele nicht einmal in dreien überleben würden. Dafür zolle ich ihr großen Respekt und meine Dankbarkeit, dass sie durch ihre Lebensumstände keine verbitterte, alte Tante wurde, sondern bloß zu einer good granny, mit denen ein paar junge Leute gezwungenermaßen ein Herbergszimmer teilen müssen.

Zum angesprochenen Jakobsweg gibt es auch genügend Infomaterial, inklusive einem Fotomittelteil und einem angehängten Nachwort, in dem Elke sich speziell an die angehenden Pilger richtet und ihnen weitere Ratgeberempfehlungen ausspricht, um noch ein letztes Mal unsere Mutti sein zu dürfen.

Danke an die Elke, für ein lebendiges Bild einer vielleicht unspektakulären, jedoch zuckersüßen Reise auf dem bekanntesten Pilgerweg Europas,

liebste Grüße von der Wortesammlerin.

(Quelle: Elke Irmgard Sauer: Mein Jakobsweg – Eine Frau auf dem Weg nach Santiago. Piper Verlag GmbH, München, 2008)

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