Was ich dir noch sagen wollte (Tom McAllister)

Das Cover leuchtet in einem für einen schlichten Buchladen viel zu schrillen Gelb, kitschige lila Vögelchen tummeln sich im Vorder- und Hintergrund, dazu passend im gleichen Lilaton ein Pärchen auf einer Bank. Es sind keine Gesichter zu erkennen, bloße Umrisse zeigen die Verliebten wie sie scheinbar in den Sonnenuntergang blicken und mir zuflüstern, dass es hier eine echte Liebesgeschichte gibt, die man absolut noch nie gehört hat. Fehlt nur noch ein kleinmädchenhaftes, naives Kichern in diesem möchtegernverträumten Szenario.

Man mag es schon bemerkt haben, der Buchumschlag ist der schiere Horror für mich. Und trotzdem; Die dreiste Kitschüberladung tut ihren Dienst bei mir. Ich finde das Cover so schrecklich hässlich, dass ich das Buch aus dem Bestsellerregal nehmen muss, es zieht mich an wie ein Unfall; Ich muss einfach wissen, wie es dazu kommen konnte, dass ein Schundroman mit schlechtformulierten und gängigen Phrasen es in die Bestsellerlisten geschafft hat, so mein erster Eindruck von der Gelb-Lila-Kombination. Tatsächlich lache ich im Buchladen sogar leise auf, als ich den Klappentext lese. In mir regen sich schon wahre Zweifel am Intellekt der gesamten Menschheit, denn wie sonst kann man erklären, dass man ein und dieselbe Geschichte so oft erzählen, immer kitschiger werden, es Romantik nennen (ohne zu wissen was dies einmal ursprünglich bedeutete), trotzdem noch tausende Exemplare verkaufen und noch dazu eine goldene Nase auf jeden x-beliebigen Autor zaubern kann, frage ich mich verzweifelt.

Und jetzt habe ich es schriftlich. Never judge a book by its cover.

Denn als ich das Buch mehr belustigt als interessiert aufschlage und die ersten Zeilen lese, zieht sich eine Gänsehaut über meinen gesamten Körper. Das Lächeln gefriert und ich staune über Tom McAllisters Wortgewandtheit. Der, über dessen Klappentext ich mich eben so schrecklich mockiert habe, besitzt doch tatsächlich die Fähigkeit, mit den ersten paar Sätzen mein bereits gefasstes Urteil über sein gesamtes Buch um 180 Grad zu drehen. Ich kann meine Augen nicht mehr abwenden und stehe wirklich wie angewurzelt vor dem Bestsellerregal, keine dumme Frage mehr warum dort. Ich habe die Antwort direkt vor mir.

Im ersten Moment kann ich es nicht erklären, aber Fakt ist, dieser Mann hat mich verzaubert (und ich hasse mich selbst dafür, dass dieses Wort perfekt zum Cover passt). Lange warte ich darauf, dass ich das Buch zuklappe und zurück dahin stelle, wo es hingehört, denn eigentlich ist das nicht mein Genre, nicht mal annähernd. Aber ich kann einfach nicht aufhören zu lesen. Der Titel gefällt mir auch nicht, nicht vor und nicht nach der Lektüre und ich frage mich noch immer, wer sich da was bei Cover und Titel gedacht hat, denn Zielgruppe und Handlung passen einfach nicht zusammen.

Der Klappentext spricht von einer Liebesgeschichte und dann kommt der Teil, der mich zu Anfang so belustigte: „Als Kait stirbt, denkt Hunter: Ich habe dir nicht genug gezeigt, wie sehr ich dich liebe. Und er erkennt: Dafür ist es nicht zu spät.“ Ich frage mich wirklich, wie man vier Sätze zu zwei solchen Doppelpunktgequakeln vergewaltigen kann. Aber ich hoffe und schätze stark, dass meine Kritik da fehlgerichtet ist, denn hier liegt die Verantwortung ja nicht beim Autor, von dem ich jetzt geradezu hin und weg bin.

Konzentrieren wir uns also auf ihn: Tom McAllister. Weil ich es nicht besser weiß, möchte ich ihn hier als Newcomer bezeichnen, zumindest was Romane betrifft. Dass er normalerweise eher Kurzgeschichten schreibt, ist in seinen Stil eingemeißelt. Jedes Kapitel ist eine Geschichte für sich und es geht eben nicht um den bedauernswerten Hunter, der vor Trauer vergeht und in Tränen zerlaufend seine Frau zurücksehnt, um ihr noch einmal zu beweisen, dass er sie mehr liebte, als alles andere auf der Welt. Nein, lieber Klappentextverbrecher, unser Protagonist ist verzweifelt, weil seine Frau tot ist, er versteht die Welt nicht mehr, verurteilt die Gesellschaft zu dem was sie rational betrachtet oft darstellt, sieht die Menschen aus einer neuen Perspektive, einer, über die die wenigsten berichten können und wollen. Hunter wird Witwer mit rund 30 Jahren, eindeutig zu jung und diese Meinung vertritt er vehement. Er ist wütend, nicht trauernd. Diese Problematik ist der ganze Kern des Romans! Der Mann kann nicht trauern und sucht Trost beim einzigen Menschen, den er meint, gut genug zu kennen, um sich sicher zu sein, dass diese Person ihn gut genug kennt, um ihn zu verstehen. Und das ist einzig und allein seine tote Kait. Der Plot dreht sich also nicht um eine kitschige Liebesverbindung, im Gegenteil. Im Verlauf lernt man viel über beide Charaktere, man lernt sie so viel hassen wie lieben, beides aus gutem Grund. McAllister schafft keinen Raum von irrationaler Vernarrtheit, er kreiert richtiges Leben innerhalb einer begrenzten Zeit und ist dabei nicht zimperlich, beide mit Schatten zu verzieren, die alles nur noch wirklicher und glaubhafter machen.

Die zentrale Frage, die am Ende klar heraussteht, ist ganz einfach. Was ist Trauer?

Und jetzt kommt alles Positive an diesem Roman auf einen Schwung: McAllister ist klug und fähig genug, um dem Leser eine eigene Meinung wählen zu lassen und sogar zu verschaffen. Damit ist gemeint, dass man noch während der Lektüre eine ganz eigene Antwort findet, und es ist die richtige für Dich. Das ist eine wirklich seltene Gabe und ich respektiere ihn sehr dafür.

Beeindruckt war ich vor allem von seinem Schreibstil, der sehr eigen ist und durch den gesamten Verlauf hindurch die Charakterisierung von Hunter sehr prägt. Ob nun positiv oder negativ, das  ist wiederum Geschmackssache. Dennoch; trotz betonter Charakterisierungen an dieser und außerdem an Kaits Stelle, sind die restlichen auftretenden Figuren doch eher schwach angelegt, ohne viel Innovation oder Feinschliff, was vielleicht eine Sicht Hunters prägen soll (die Fokussierung auf sich selbst und Kait), jedoch besser in der autodiegetischen Erzählform gewirkt hätte.

Bei der Handlung an sich gibt es ebenfalls viele Höhen und ausgeglichen viele Tiefen, doch hierzu habe ich eine sehr gestrenge Ansicht, denn ich bin der Meinung, dass die stärksten Erzählungen niemals in der Handlung selbst liegen, sondern vollkommen in der Hand des Autors. Ich gehe sogar so weit, dass es diese Perfektion entweder nicht gibt oder sie nicht erstrebenswert ist, denn Schwächen zeichnen einen Charakter ebenso stark, wie zahlreiche positive Eigenschaften, wie McAllister mit seinem vorliegenden Werk einwandfrei beweisen kann.

Und ein perfekter Roman der beide Seiten, Plot und Stil, perfekt harmoniert, ist mir bis heute noch nicht untergekommen.

Und ich bin schließlich die Wortesammlerin.

(QuelleTom McAllister: Was ich dir noch sagen wollte. Hoffmann und Campe Verlag, 2015)

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