Der große Trip – Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst (Cheryl Strayed)

Meine anfängliche Faszination dieses Buch betreffend mag zum einen auf die riesige mediale Aufmerksamkeit zurückzuführen sein, die Strayed vor allem aufgrund des von Reese Witherspoon produzierten Hollywoodfilms „Wild“ erhielt, der weltweit die Massen begeisterte. Andererseits stand der Roman schon seit seinem Erscheinen auf meiner Liste. Hintergrund dazu stellt meine generelle Begeisterung für wahre Geschichte verbunden mit Extrem-Wanderungen, die die Möglichkeit vermitteln, ein Menschenleben für immer zu verändern, dar. In puncto Inhalt war ich also voreingenommen und über-positiv, vielleicht zu meinem Übel.

Die Rückseite kündet von einer „Frau mit Loch im Herzen“, ein Zitat aus dem Kernstück der Geschichte. Das fasst es meiner Meinung nach sehr gut zusammen. Strayed trägt ein Loch im Herzen zur Schau und muss vor diesem Loch davon laufen, auf dem Pacific-Crest-Trail, zu Deutsch dem „Pazifischen-Gipfel-Weg“ entlang der Westküste der Vereinigten Staaten. Hier schildert sie ihre Erfahrungen, wie sie sich langsam dazu zwang, weiterzumachen, auf dem Pfad und in ihrem Leben. Die Moral: Wo immer du bist, was auch immer du durchgemacht hast, oder sogar wer du bist, spielt keine Rolle, solange du weiter gehst, eine Lektion, die sie selbst hart erlernen musste und die sie nun in nahezu theatralischer Weise vermittelt.

Weil sie ihre Mutter an Lungenkrebs verlor, gilt sie in den Medien als eine Heldin, die die Trauer bezwang und ihren Weg ging, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer, man ist allgemein stolz auf ihren Stolz, diesen Teil ihres unperfekten Lebens öffentlich breittreten zu lassen. Ich frage mich, ob diese Ehre nicht falsch motiviert ist. Sie ist den Fernwanderweg gewandert, das steht außer Frage, und sie kann schreiben, hat einen sehr eigenen Stil – dramatisch, theatralisch, stellenweise überzogen provokant – und beweist auch „Mut“ zur Feministin. Dennoch, lieben die Leute sie, weil sie wanderte oder weil sie genau die Punkte unserer Gesellschaft thematisiert, die teilweise tabuisiert sind? Das geht von hemmungslosem Sex zu Drogenmissbrauch, über Untreue, Scheidung, Tod, damit verbundener Trauerarbeit zu noch mehr Sex. Klingt das nur in meinen Ohren nach dem Grundrezept für eine Daily-Soap?

In „Wild“, so der englische Originaltitel, weicht Strayed so weit es nur geht vom Thema PCT ab, verlässt diese Pfade, um vom Verschlucken der Asche ihrer Mutter und unzähligen One-Night-Stands zu berichten, gekonnt provokant möchte ich das nennen. Das ist auch durchaus klug von ihr, sie bricht die Norm und begeistert so die einheitliche Masse. Doch sie liefert mir nicht das Buch, das ich erwartete, zu sehr hängt sie an ihrer Vergangenheit fest und ich erfuhr reichlich wenig von ihrem Weg während der Wanderung. Ständig lenkte sie vom Thema ab. Ich verstehe es, diese Trauer um einen geliebten Menschen, das ist hart und unbarmherzig, aber wenn ich ein Buch über die lebensverändernden Erfahrungen auf einem Extrem-Wanderweg lese, erwarte ich lebensverändernde Erfahrungen auf einem Extrem-Wanderweg zu lesen und keine traurige Vier-Jahres-Trauer-Phasen-Geschichte, gelegentlich untermalt von einem Treffen mit Schwarzbären im Wald und gängigen Metaphern.

Der große Trip war insofern eine Enttäuschung für mich, dass ich wahnsinnige Ehrfurcht empfand für eine starke Frau, noch bevor ich wusste, ob sie diese überhaupt personifiziert. Nach Beenden ihrer Kurzbiographie bin ich mir ihrer Intelligenz sicher, ihrer Marketing-Intelligenz, um genauer zu sein, und offenbar macht sie das in der Öffentlichkeit zu einer starken Frau. Eine kleine Message am Rande: Eine starke Frau kann noch mehr, daran glaube ich zutiefst.

Zuletzt noch ein persönlicher Wunsch von mir an die Autorin: Ich hätte zu gerne etwas von den Veränderungen gelesen, die der Weg bewirkt hat, mehr von ihrer Gefühlswelt erfahren und mehr von dem verstanden, was das Laufen und Kämpfen ums Überleben mit ihr schlussendlich anstellte. Wie ging es nach der Brücke der Götter weiter und inwiefern hatte der PCT etwas damit zu tun? Fand sie sich selbst oder schlüpfte sie bloß in die nächste Rolle? Fragen, die mir noch weniger der hochangepriesene Hollywoodfilm beantworten kann, auch hier: zu hohe Erwartungen an zu niedrigen Inhaltswert, verbunden mit wunderschönen Landschaftsaufnahmen und einem schlechten Drehbuch. Aber wer bin ich schon, dass ich so etwas professionell beurteilen kann.

Ich bin die Wortesammlerin.

(Quelle: Cheryl Strayed: Der große Trip, Wilhelm Goldmann Verlag, 2012)

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